Deutschland ist neuerdings der größte Geber von Entwicklungshilfe weltweit. Klingt erst einmal nach einer guten Nachricht. Ist es aber nicht. Denn Deutschland gibt nicht plötzlich mehr. Im Gegenteil: Die deutsche Entwicklungshilfe wird seit Jahren zusammengestrichen. Deutschland ist nur deshalb in absoluten Zahlen an die Spitze gerückt, weil die USA noch drastischer kürzen. Was auf den ersten Blick wie eine gute Nachricht aussieht, ist in Wahrheit eine peinliche, kurzsichtige und gefährliche Nachricht, über die viel zu wenig gesprochen wird.
Bitter: In deutschen Talkshows findet das bisher nur statt, wenn Maßnahmen wie Radwege in Peru ins Lächerliche gezogen werden können. Dabei regt sich immer mehr Widerstand gegen den internationalen Trend, bei der Entwicklungshilfe zu kürzen. Kritik kommt längst nicht mehr nur von NGOs und Gesundheitsorganisationen, sondern auch aus der Wirtschaft.
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Im kommenden Jahr soll der Etat des Entwicklungsministeriums um weitere 6 Prozent auf 9,47 Milliarden Euro schrumpfen. Es ist die mittlerweile sechste Kürzung in Folge. 2021 standen dem Ministerium noch 12,43 Milliarden Euro zur Verfügung – fast ein Viertel mehr als 2027. Wohlgemerkt: Gerechnet ohne die 20 Prozent Inflation in der Zwischenzeit. Auch die humanitäre Hilfe des Auswärtigen Amts wird immer weiter zusammengestrichen. Unter der Ampel waren es noch 3,9 Milliarden Euro für humanitäre Hilfe, unter der Merz-Regierung im nächsten Jahr nicht einmal mehr die Hälfte davon: 1,8 Milliarden Euro. Kürzungen, die sich Entwicklungsministerin Reem Alabali Radovan (SPD) schönredet. Die Regierung werde mit weniger Geld mehr bewirken, weil sie die Entwicklungspolitik “neu aufstellt”, sagt sie, und achte “noch stärker“ auf “Evidenz und Wirksamkeit“.
Diese Schönrederei glaubt ihr aber nicht einmal mehr die Wirtschaft. Bayer, Condor, Hapag-Lloyd und DHL haben sich gemeinsam mit weiteren Unternehmen in einem schriftlichen Appell für eine Stärkung der internationalen Zusammenarbeit ausgesprochen. “Deutschland lebt wie kaum ein anderes Land von seiner internationalen Zusammenarbeit“, schreiben sie in ihrem Appell. “Unsere Wirtschaft braucht weltweite Kontakte, neue Märkte und starke, verlässliche Partner.“ Unternehmen benötigten Absatzmärkte, Rohstoffzugang und sichere Lieferketten sowie Fachkräfte und Wissensaustausch mit Drittstaaten.
Gerade Deutschland als Exportnation hat ein Interesse daran, dass ärmere Länder wirtschaftlich aufholen. Eine neue Studie der Universität Göttingen kommt zu einem bemerkenswerten Ergebnis: Jeder Euro deutscher Entwicklungszusammenarbeit, der direkt in einem Partnerland investiert wird, geht im Schnitt mit 2,50 Euro zusätzlichen deutschen Warenausfuhren einher. Die dadurch ausgelösten Exporte tragen laut KfW “zur Sicherung und Schaffung von rund 380.000 Arbeitsplätzen in Deutschland” bei. Und: “deutsche Entwicklungszusammenarbeit erzielt ihre stärksten Exportrenditen in den Sektoren Maschinenbau, Transport, Informationstechnologie, Chemie- und Elektroindustrie”. Also genau den Branchen, die seit dem Ukraine-Krieg besonders schwächeln!
Auch VENRO, der Dachverband entwicklungspolitischer und humanitärer Nichtregierungsorganisationen, warnt vor den Folgen. Nach einer Umfrage unter seinen Mitgliedsorganisationen sinkt die Zahl der unterstützten Projekte drastisch, lokale Partnerorganisationen werden handlungsunfähig. Allein die befragten Organisationen erreichen inzwischen mehr als zehn Millionen Menschen weniger. Die aktuellen Kürzungen sind darin noch gar nicht vollständig enthalten. “Das ist Raubbau an der internationalen Solidarität“, beklagt VENRO-Vorstand Michael Herbst.
Einmal im Jahr veröffentlicht die Entwicklungsministerin die offiziell errechnete ODA-Quote, also die Entwicklungshilfe als Anteil des Bruttonationaleinkommens. 2025 kam Deutschland auf 0,56 Prozent. Das international vereinbarte Ziel liegt allerdings bei mindestens 0,7 Prozent. Seit 1970 hat Deutschland das gerade fünfmal erreicht. In fünf von 56 Jahren!
Und das auch nur, weil die Zahlen künstlich aufgeblasen werden. In der ODA-Statistik werden nämlich auch Ausgaben berücksichtigt, die mit klassischer Entwicklungshilfe wenig zu tun haben: 2025 etwa rund 4,3 Milliarden Euro für die Versorgung und Unterbringung von Geflüchteten in Deutschland sowie 2,2 Milliarden Euro für Studienplätze von Studierenden aus Entwicklungsländern. Das ist aber keine klassische Entwicklungshilfe. Die Gelder bleiben ja in Deutschland und fließen nicht in die Entwicklungsländer. Davon kaufen Geflüchtete Klamotten, Lebensmittel und Bustickets in Deutschland, aber davon werden keine Brunnen oder Schulen in armen Dörfern gebaut. Ohne diese 6,5 Milliarden Euro hätte die Quote gerade einmal bei 0,42 Prozent gelegen. Weit, weit entfernt vom Mindestziel!
Für 2026 und 2027 gibt es noch keine endgültigen ODA-Zahlen, weil die Quote erst im Nachhinein berechnet wird. Nach den vorliegenden Projektionen dürfte die deutsche ODA von rund 26 Milliarden Euro 2025 auf etwa 22 Milliarden Euro 2026 und nur noch rund 18,5 Milliarden Euro 2027 fallen. Die Quote würde damit grob von 0,56 auf 0,51 und anschließend 0,42 Prozent sinken. Selbst mit den aufgeblasenen Werten.
Zum Vergleich: Norwegen und Luxemburg liegen bei ein Prozent, Schweden bei 0,86 Prozent und Dänemark bei 0,72 Prozent. Zudem lagen sie seit 1970 in nahezu jedem Jahr über dem Ziel von 0,7 Prozent. Das sind die Musterschüler in Sachen Entwicklungshilfe. Sie halten dem internationalen Trend entgegen. Laut OECD sind die Hilfen von 2022 bis 2026 um fast 80 Milliarden Euro eingebrochen. Vor allem wegen Trumps Kürzungen in den USA. Aber eben auch wegen der deutschen!
Die Folgen sind verheerend. Humanitäre Organisationen müssen zehntausende Mitarbeiter entlassen. Menschen, die in Flüchtlingslagern, Gesundheitsstationen und Krisengebieten überlebenswichtige Arbeit geleistet haben. Gegen Hunger. Gegen Gewalt. Gegen Naturkatastrophen. Gegen Infektionskrankheiten. Für Bildung. Für Frauenrechte. Für Sicherheit.
Die Kürzungen bedeuten also menschliches Leid – mehr Krankheiten, mehr Tote, mehr Hunger, mehr Armut – und wirtschaftliche Einbußen als Exportland. Aber auch weniger Vertrauen in internationale Vereinbarungen und Kooperation. Gerade die bräuchte es aber, um wirksamen Klimaschutz weltweit durchzusetzen. Mit den Entwicklungsländern, die nicht den gleichen fossilen Entwicklungspfad einschlagen dürfen wie die Industrieländer vor ihnen. Und ehrlicherweise gegen die Länder im Nahen Osten, die man mit einer Art “Globalem Klimaclub” dazu bringen muss, ihre riesigen Öl- und Gasvorkommen im Boden zu lassen. Um Entwicklungsländer in diesen Klub zu holen, sind Abschottung in Sachen Entwicklungshilfe und Verrat internationaler Vereinbarungen jedenfalls die falsche Strategie.
Und auch sonst einfach schäbig.





Ich kann das Argument nicht mehr hören, dass sich alles mit weniger Geld genauso lösen lässt. Warum gilt das nicht fürs Militär? Oder für die Renditen von Überreichen? Dahinter schlummert doch nur wieder das Privatsektorverständnis von öffentlichen Ausgaben und das toxische Framing vom löblichen Sparen.
Danke für diesen wertvollen Blick auf ein Thema, das sonst bei mir viel zu kurz gekommen wäre.