Geld für die Welt

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Mehr Gas gegen teuren Strom?

Alle stören sich an hohen Strompreisen. Für Merz, Reiche und die AfD lautet die Lösung: mehr Gas. Doch das ist eine Falle. Spanien zeigt, wie es wirklich geht

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Maurice Höfgen
Sept. 04, 2026
∙ Bezahlt

Strom ist in Deutschland zu teuer. Finden eigentlich alle, von den Grünen bis zur AfD. Und auch Kanzler Merz. Als er im Sommerinterview nach seiner Strategie dagegen gefragt wurde, lautete seine Antwort: „Wir müssen das Stromangebot ausweiten“. Mehr Angebot gegen zu hohe Preise, das klingt in einer Marktwirtschaft erst mal gut. Doch erstens ist der Strommarkt kein normaler Markt. Und zweitens fallen dem Bundeskanzler zu „mehr Angebot“ als Erstes neue Gaskraftwerke ein. Und neue Gaslieferverträge, die die Regierung gerade abschließt – mit „15 Jahren Laufzeit!“, wie Merz extra betonte.

Gleichzeitig kann man dieser Tage in den Nachrichten lesen: „Gaspreis an der Börse auf Drei-Jahres-Hoch“. Auslöser ist der Iran-Konflikt. Gas ist wieder teurer geworden, weil die Welt daran erinnert wird, wie schnell geopolitische Konflikte Energiepreise nach oben treiben können. Man könnte meinen, die Regierung hätte aus dem russischen Angriff auf die Ukraine etwas gelernt. Hat sie aber offenbar nicht.

Und die AfD offenbar ebenfalls nicht. Sie fordert ausgerechnet für Sachsen-Anhalt, das beim Ausbau der erneuerbaren Energien bundesweit vorne mitspielt, einen abrupten Förderstopp für Wind- und Solaranlagen – bis hin zum Baustopp und sogar zum Rückbau bestehender Anlagen. Ausgerechnet dort also, wo Deutschland einen Teil seiner fossilen Energieabhängigkeit durch heimische, günstige Energie ersetzen könnte, soll der Ausbau gestoppt und bereits bestehende Infrastruktur wieder abgebaut werden.

Das Problem mit Gas ist nicht nur, dass Deutschland einen großen Teil davon importieren muss. Das Problem ist auch, dass der Gaspreis über das Strommarktdesign direkt auf den Strompreis durchschlägt. Das Zauberwort lautet Merit Order.

Kurz erklärt: An der Strombörse kommen zunächst die Kraftwerke zum Einsatz, die Strom zu den niedrigsten Grenzkosten produzieren. Wind- und Solaranlagen liegen dabei praktisch ganz vorne, weil Sonne und Wind keinen Brennstoff kosten. Danach kommen andere Kraftwerke, etwa Kohle- und schließlich Gaskraftwerke. Das Kraftwerk, das gerade noch benötigt wird, um die Nachfrage zu decken, setzt den Börsenstrompreis – und alle Kraftwerke bekommen diesen Preis. Wenn also ein Gaskraftwerk benötigt wird, um die letzte Kilowattstunde Strom zu liefern, bestimmt dessen hoher Brennstoffpreis den Preis für den gesamten Markt. Das bedeutet umgekehrt: Je mehr günstige Erneuerbare im Stromsystem sind, desto seltener müssen teure fossile Kraftwerke den Preis setzen. Mehr Wind und Solar können den Börsenstrompreis deshalb direkt drücken.

Und genau deshalb ist die Antwort auf hohe Strompreise nicht: mehr Gas. Sondern mehr günstiger Ökostrom!

Dabei geht es allein 2026 um mehr als 30 Milliarden Euro zusätzlich, die für fossile Energie aus Deutschland abfließen – zum großen Teil in autoritäre Staaten, mit denen wir politisch und gesellschaftlich herzlich wenig gemein haben.

100 Milliarden für Schurkenstaaten

Das wird noch deutlicher, wenn man sich anschaut, was Energie Deutschland insgesamt kostet. Denn Deutschlands Energiekosten bestehen nicht nur aus der Stromrechnung. Der größte Teil unserer Energie wird importiert – und dafür fließt jedes Jahr sehr viel Geld ins Ausland. Nach Berechnungen der KfW lagen die Energieimportkosten Deutschlands in den vergangenen 15 Jahren im Durchschnitt bei rund 81 Milliarden Euro pro Jahr. 2025 waren es etwa 72 Milliarden Euro. Für 2026 dürfte die Rechnung allerdings wieder deutlich höher ausfallen. Wegen des Preisschocks bei Öl und Gas erwartet die KfW einen Anstieg auf rund 100 Milliarden Euro. Das wären fast 30 Milliarden Euro zusätzliche Ausgaben gegenüber dem vergangenen Jahr.

Während sich Konservative gerne über einen angeblich „explodierenden“ Sozialstaat echauffieren, sprechen sie über explodierende (fossile) Energiekosten erstaunlich selten. Dabei geht es allein 2026 um mehr als 30 Milliarden Euro zusätzlich, die für fossile Energie aus Deutschland abfließen – zum großen Teil in autoritäre Staaten, mit denen wir politisch und gesellschaftlich herzlich wenig gemein haben. 30 Milliarden Euro, die nicht hier investiert werden, keine deutschen Löhne finanzieren und keine Wertschöpfung in Deutschland schaffen. Geld, das schlicht ins Ausland überwiesen wird, damit wir unsere Abhängigkeit von Öl und Gas aufrechterhalten können.

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Aber 3 Milliarden Redispatch sind ein Problem?

Worüber sich Konservative stattdessen empören: drei Milliarden Euro Redispatch-Kosten. Ja, wirklich. Rund drei Milliarden Euro kostet es derzeit, Kraftwerke herunter- oder hochzufahren, weil das Stromnetz an bestimmten Stellen überlastet ist. Daraus wird dann gerne ein Argument gegen die Erneuerbaren: Wind und Solar seien zwar günstig, verursachten aber hohe „Systemkosten“. Insbesondere der Netzausbau und der Redispatch würden den vermeintlich billigen Ökostrom am Ende teuer machen.

Nur muss man diese drei Milliarden Euro eben auch einmal ins Verhältnis setzen. Zu den fast 100 Milliarden, die Deutschland 2026 für importiertes Öl und Gas ausgibt. Oder zu den gesamten Kosten des Stromsystems: 2025 rund 95 Milliarden Euro. Der größte Posten war mit mehr als 41 Milliarden Euro die Strombeschaffung, gefolgt von rund 30 Milliarden Euro Netzkosten und etwa 17 Milliarden Euro für die EEG-Umlage (die mittlerweile aus dem Klima- und Transformationsfonds bezahlt wird). Addiert man fossile Energieimporte und Stromsystemkosten, landet Deutschland damit bei rund 200 Milliarden Euro Energiekosten in diesem Jahr. Und da sollen ausgerechnet drei Milliarden Euro Redispatch der große Skandal sein?

Man könnte es auch andersherum betrachten: Redispatch ist vor allem der Preis dafür, dass der Netzausbau dem Ausbau der Erneuerbaren hinterherläuft. Das Problem lässt sich lösen, indem man Netze baut. Wenn die Stromtrasse Südlink wie geplant 2028 fertiggestellt ist, kann deutlich mehr günstiger Windstrom aus dem Norden in den Süden transportiert werden. Schätzungen zufolge könnten die Redispatchkosten dadurch um etwa ein Drittel sinken. Die knapp 100 Milliarden Euro für importiertes Öl und Gas lassen sich dagegen nur senken, wenn Deutschland weniger Öl und Gas braucht.

Wer also wegen der Redispatchkosten den Ausbau von Wind und Solar abbremsen will, bekämpft ausgerechnet die Energiequellen, die Deutschland langfristig von den viel größeren Kosten und Risiken fossiler Energieimporte unabhängig machen. Das ist ungefähr so, als würde man bei einem Restaurantbesuch keine zwei Euro Trinkgeld geben, nachdem man für 100 Euro gegessen hat.

Reiches Netzpaket ist eine teure Falle

Und genau hier setzt das neue Netzpaket von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche an. Die Botschaft lautet sinngemäß: Ja, Wind und Solar sind billig. Aber leider machen sie unser Stromsystem teuer. Also bremsen wir den Ausbau – wegen der Kosten, die entstehen, weil wir das Stromnetz nicht schnell genug ausgebaut haben. Klingt unlogisch? Ist es auch. Das ist ungefähr so, als würde man den Menschen verbieten, neue Autos zu kaufen, weil das Autobahnnetz marode ist.

Neben weniger Förderung für kleine Solarkraftwerke, etwa für Eigenheimbesitzer auf Dach und Garage, sieht Reiche Folgendes vor: in Netzregionen, in denen mehr als drei Prozent des erneuerbaren Stroms abgeregelt werden, sollen neue Wind- und Solarparks künftig keine Entschädigung mehr für diese Abregelungen bekommen. Und zwar nicht für ein oder zwei Jahre, sondern für ganze zehn Jahre. So lange sollen die Netzbetreiber Zeit bekommen, die notwendigen Leitungen zu bauen. Und solange wälzt Reiche das Risiko damit einfach auf die Betreiber von Wind- und Solarparks ab: Milliarden investieren, Anlagen bauen – und dann hoffen, dass das Netz irgendwann vielleicht auch fertig wird. Wird der Strom abgeregelt, gibt es dafür künftig unter bestimmten Bedingungen kein Geld mehr.

Das Ergebnis ist absehbar: Investoren ziehen den Stecker. Gutachter von Enervis und Angora haben berechnet, dass durch diese Änderung etwa die Hälfte des geplanten Windzubaus und ein großer Teil der geplanten Photovoltaik-Freiflächenanlagen ausfallen könnten. Und das nicht irgendwo, sondern genau dort, wo der Netzausbau hinterherhinkt – also in Regionen, die für den weiteren Ausbau der Erneuerbaren eigentlich besonders wichtig wären.

Reiche macht so aus einem lösbaren Infrastrukturproblem ein Erzeugungsproblem. Das Ziel, bis 2030 in Deutschland 80 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Quellen zu generieren, bremst die Regierung so massiv aus. Und wer springt 2030 ein, wenn Wind und Solar fehlen? Richtig: Gaskraftwerke.

Die Logik: Heute den Ausbau der günstigen Energiequellen bremsen. Morgen mehr Gas kaufen. Übermorgen über hohe Gaspreise jammern. Und dann tagein, tagaus Ablenkungsdebatten über den Sozialstaat, Lohnnebenkosten oder fehlende Arbeitsmoral anzetteln. Man könnte es fast für Satire halten, wenn es nicht unser Planet und unsere Stromrechnung darunter leiden müssten. Dabei zeigt Spanien, wie es besser geht.

Von Spanien lernen

Die Strompreise sind dort inzwischen unter den niedrigsten in Europa. Spanien liegt im bisherigen Jahresdurchschnitt bei 67 Euro pro Megawattstunde. Deutschland dagegen bei ungefähr 104 Euro. Und Italien sogar bei mehr als 130 Euro. Warum ist der Strom in Spanien so billig und in Italien so teuer? Beide Länder haben Sonne satt. Der Unterschied liegt im Stromsystem.

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