Mietschulden oder voller Kühlschrank? Dazwischen müssen sich immer mehr Haushalte im Bürgergeld entscheiden. Vor allem jene mit Kindern. Denn: 2025 haben die Jobcenter bei rund 375.000 Haushalten die tatsächlichen Kosten der Warmmiete nicht komplett übernommen. Das hat Kleine Anfrage der Linken-Bundestagsabgeordneten Cansin Köktürk ergeben. 2024 waren es noch rund 334.000 Haushalte. Der Anteil stieg damit von 12,6 auf rund 15 Prozent – von etwa jedem achten auf fast jeden sechsten Haushalt.
Aber nicht nur das: Gleichzeitig wächst auch die Lücke zwischen tatsächlicher und vom Jobcenter anerkannter Miete. 2024 fehlten den betroffenen Haushalten im Schnitt 116 Euro im Monat, 2025 waren es bereits knapp 130 Euro. Besonders hart trifft das Familien. Bei Haushalten mit Kindern lag die durchschnittliche Differenz 2025 bei rund 156 Euro im Monat. Rund 135.000 Haushalte waren betroffen. Bei Alleinerziehenden waren es durchschnittlich 146 Euro, bei rund 79.000 Haushalten.
Heißt: Bei immer mehr Haushalten frisst die Miete immer mehr vom Existenzminimum. Nichts anderes ist das Bürgergeld, sorry: die Grundsicherung, ja. Denn von diesem Geld soll alles bezahlt werden, was nach der Miete zum Leben gehört: Essen, Kleidung, Strom, Mobilität, Medikamente, ein Kinobesuch oder der Eintritt ins Schwimmbad. Der Regelsatz ist ohnehin so knapp kalkuliert, dass Verzicht für Bezieher zum Alltag gehört.
Wie sich das anfühlt, zeigen drei Zahlen aus einer Umfrage des Vereins Sanktionsfrei: Nur zwölf Prozent der befragten Bürgergeldbezieher fühlen sich der Gesellschaft zugehörig. Nur 16 Prozent sagen, dass sie vom Jobcenter individuell gefördert werden. Und mehr als die Hälfte der Eltern im Bürgergeld gibt an, beim eigenen Essen zu sparen, damit für die Kinder genug da ist. Das ist nicht nur Armut. Das ist sozialer Rückzug und Verzicht – bis auf den eigenen Teller.
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Und jetzt kommt auch noch die Inflation obendrauf. Wegen des Irankonfliktes steigen die Preise und nagen am Regelsatz. Für Menschen, die ohnehin jeden Euro umdrehen müssen, ist das keine abstrakte Inflationsrate, sondern eine ganz konkrete Frage: Was kann ich mir diesen Monat noch leisten – und worauf muss mein Kind verzichten?
Bei Alleinerziehenden ist die Situation besonders brutal: Hier lag die durchschnittliche Wohnkostenlücke 2025 bei 146 Euro im Monat. Gleichzeitig sind 28,9 Prozent der Menschen in Alleinerziehenden-Haushalten armutsgefährdet – fast jede dritte Person. Zum Vergleich: Über die Gesamtbevölkerung hinweg waren es 16,1 Prozent.
Ebenfalls besonders betroffen: Mieterhaushalte in Berlin. Dort fehlten den betroffenen Haushalten durchschnittlich fast 210 Euro im Monat. Im Schnitt wird mehr als ein Viertel der tatsächlichen Wohnkosten nicht übernommen. Damit liegt Berlin weit über den Bundesschnitt von 129 Euro im Monat – oder 17,8 Prozent der Wohnkosten.
Der Grund dafür sind die sogenannten Angemessenheitsgrenzen (fürchterliches Bürokratenwort, pfui!). Das Jobcenter übernimmt die Kosten der Unterkunft grundsätzlich nur in der Höhe, die vor Ort als angemessen gilt. Die Grenzen werden kommunal festgelegt. Liegt eine Wohnung darüber, sollen Betroffene sich eine günstigere Wohnung suchen.
Nur gibt es auf einem angespannten Wohnungsmarkt ein kleines Problem: Günstiger Wohnraum muss auch existieren. Und selbst wenn eine kleinere Wohnung gefunden wird, ist ein neuer Mietvertrag längst keine Garantie für eine niedrigere Miete. Im Gegenteil: Neuvermietungen sind vielerorts deutlich teurer als bestehende Mietverhältnisse. Stichwort Berlin: Hier haben sich die Angebotsmieten in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdoppelt.
Und bei der ganzen Debatte wird noch etwas Entscheidendes ausgeblendet: Eine Wohnung ist nicht bloß vier Wände und eine Zahl auf einem Mietvertrag. Sie ist Kita, Schule, Freundeskreis, Nachbarschaft, Arzt, Familie und soziales Umfeld. Ein Umzug kann gewachsene soziale Netze auseinanderreißen. Für Kinder kann er einen längeren Weg zur Kita oder Schule bedeuten, für Eltern einen längeren Weg zu Freunden und Familie. Gerade Alleinerziehende sind auf ein funktionierendes Umfeld angewiesen, etwa wenn Großeltern oder Freunde bei der Kinderbetreuung helfen.
Wer Menschen mit realitätsfernen Angemessenheitsgrenzen zum Umzug drängt, nimmt deshalb nicht nur höhere Umzugskosten und eine neue Wohnung in Kauf. Er kann genau die Strukturen zerstören, die Menschen dabei helfen, wieder auf eigenen Beinen zu stehen. Und damit entsteht ein absurder Widerspruch: Einerseits soll die Grundsicherung Menschen möglichst schnell wieder in Arbeit bringen. Andererseits kann der Druck, in eine billigere Wohnung umzuziehen, genau das erschweren – wenn dadurch der Weg zur Kita länger wird, die Kinder die Schule wechseln müssen, das soziale Netzwerk wegbricht oder eine erreichbare Arbeitsstelle plötzlich nicht mehr erreichbar ist.
Die Rechnung „zu teuer = umziehen“ geht deshalb oft nicht auf. Offensichtlich. Sonst würde ja nicht bei immer mehr Haushalten eine immer größere Lücke klaffen. Nochmal die Zahlen: 2024 fehlten durchschnittlich 116 Euro für 334.000 Haushalte, 2025 schon 129 Euro für 375.000 Haushalte. Die Lücke wächst also in beide Richtungen.
Und jetzt wird das System auch noch verschärft. Seit dem 1. Juli 2026 gilt die neue Grundsicherung. Die schränkt die bisherige Karenzzeit bei den Wohnkosten ein: Auch im ersten Jahr des Leistungsbezugs werden die tatsächlichen Unterkunftskosten grundsätzlich nicht mehr vollständig übernommen, sondern nur bis zu einer Obergrenze vom Eineinhalbfachen der örtlichen Angemessenheitsgrenze. Auch bei den Sanktionen steigt der Druck. Wer wiederholt Termine beim Jobcenter versäumt, kann seinen Leistungsanspruch komplett verlieren. Regelsatz, Miete und Heizung. Dann drohen nicht nur Mietschulden und ein leerer Kühlschrank, sondern sogar Obdachlosigkeit.
Natürlich müssen Leistungsbeziehende mit dem Jobcenter kooperieren. Natürlich soll arbeiten, wer arbeiten kann. Aber das System aus zu geringen Angemessenheitsgrenzen und knallharten Sanktionen schafft weder günstigen Wohnraum noch passende Arbeitsplätze (davon gibt es wegen der Wirtschaftskrise sogar immer weniger). Wo Wohnungen fehlen oder Qualifikation und Jobangebot nicht zusammenpassen, lässt sich das Problem nicht behördlich wegsparen.
Was helfen würde: Wirtschaft ankurbeln, Arbeitsplätze schaffen, günstigen Wohnraum organisieren, Angemessenheitsgrenzen hochsetzen, Erbsenzählermentalität sein lassen!




Guter und schöner Beitrag!
Bitte schau dir die Grafik im Beitrag nochmal genau an (Stichwort: Form der Bundesländer). Ich würde mich freuen, wenn für solche Grafiken keine KI eingesetzt werden würde. Das kann Mensch deutlich besser als Maschine. Liebe Grüße!