Jahrelang wurde uns eine simple Geschichte erzählt: Die AfD ist stark, weil es zu viel Asyl und Migration gibt. Also müsse die Politik härter werden. Grenzen kontrollieren, Abschiebungen erhöhen, Leistungen kürzen – und schon würden die Menschen der AfD wieder den Rücken kehren. So das Credo, immer und immer wieder wiederholt in Bundestagsreden, Leitartikeln und Talkshows.
Und diese Erzählung ist bis heute so tief verankert, dass sie nach jeder Wahl reflexartig wieder aus der Schublade geholt wird. Nach den Wahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern wurde erneut darüber diskutiert, wie sehr Migration den Rechtsruck antreibt. Am Sonntag erst pochte Caren Miosga auf diesen Zusammenhang, als Ex-Vizekanzler Robert Habeck die soziale Frage als Erklärung für den Rechtsruck anführte.
Nur: Die Realität macht diese Geschichte langsam lächerlich. Die Asylpolitik ist heute so hart wie seit Jahren nicht. An den Grenzen stehen Bundespolizisten und kontrollieren – übrigens häufig unter Dixi-Klo-Bedingungen –, was das Zeug hält. Der Familiennachzug für subsidiär Schutzberechtigte ist gestoppt. Die Regelsätze für Asylbewerber heute unter dem Niveau von 2024 – trotz steigender Preise. Und die Asylantragszahlen sind eingebrochen. Allerdings nicht wegen der Grenzkontrollen, sondern weil sich die Fluchtbewegungen verändert haben, etwa durch die neue Lage in Syrien.
Und trotzdem explodiert die AfD.
In Zahlen: Im ersten Halbjahr 2026 gab es 39.646 Erstanträge. 2023 waren es noch 329.120, 2016 sogar 722.370. Die Zahl der Asylanträge ist also längst nicht mehr dort, wo sie in den Jahren lag, aus denen die große Asyl-Erzählung stammt. Und auch die Kosten für den Bundeshaushalt sinken längst – vor allem, wenn man die Ausgaben um die Inflation bereinigt.
Und trotzdem explodiert die AfD. Im Bundestrend steht sie weiter ganz vorne. In Sachsen-Anhalt holte sie 43,8 Prozent, in Mecklenburg-Vorpommern 38,2 Prozent. Was besonders absurd wird beim Blick auf die Ausländeranteile: Mecklenburg-Vorpommern hat mit 6,5 Prozent den niedrigsten Ausländeranteil Deutschlands. Sachsen-Anhalt liegt mit 7,9 Prozent auf Platz zwei. Der Bundesdurchschnitt: 14,9 Prozent. Noch einmal: Die AfD feiert ihre größten Erfolge ausgerechnet dort, wo besonders wenige Ausländer leben, aber hochbezahlten Talkshowmoderatoren fällt nur ein: “Was muss die Politik bei Migration NOCH tun?”
Dabei ist der auffälligste Zusammenhang der Nachwahlbefragungen nicht Migration, sondern die soziale Frage. In Sachsen-Anhalt wählten 65 Prozent der Menschen, die ihre finanzielle Lage als schlecht einschätzen, die AfD. In Mecklenburg-Vorpommern waren es 60 Prozent. Und in beiden Wahlen war die soziale Sicherheit das wichtigste Thema. Also Sorgen, dass man sich die gestiegenen Preise nicht mehr leisten kann, dass der Arbeitsplatz wackelt, dass die Rente nicht reicht. Und: Das kommt nicht aus dem Nichts. In Ostdeutschland sind die Löhne und Renten bis heute deutlich niedriger als in Westdeutschland, die Arbeitslosigkeit dafür höher.
Darüber sollte in Talkshows gesprochen werden. Denn offensichtlich sind Geflüchtete gar nicht die Ursache des Problems, sondern nur dessen Projektionsfläche. Wenn der Lohn nicht für ein sorgenfreies Familienleben reicht. Wenn die Rente knapp ist. Wenn die Miete explodiert. Wenn in der Schule Lehrer fehlen und in der Kita Erzieher. Wenn die eigene Region ausblutet, Innenstädte austrocknen und man das Gefühl bekommt, dass für alles Geld fehlt. Dann ist der Geflüchtete ein bequemer Sündenbock. Einer, der in der Öffentlichkeit quasi keine Lobby hat, der in Talkshows nicht stattfindet und einer, auf den man alle eigenen (ökonomisch durchaus berechtigten) Sorgen projizieren kann.
Und genau deshalb ist es so fatal, wenn Medien die Geflüchteten selbst zum Ausgangspunkt ihrer Berichterstattung machen – und eben nicht die Projektionsfläche. Obwohl gerade die Daten aus den Nachwahlbefragungen so viel hergeben, um die Projektionsfläche in Talkshows herauszuarbeiten.
Nach zehn Jahren sollten auch die letzten Journalisten langsam merken: Die „Zu viel Asyl macht die AfD stark“-Story ist auserzählt. Und mit der Realität nicht mehr vereinbar.




Danke für diesen Beitrag, wie immer super erklärt fundiert, knapp und in einer Sprache die jeder versteht, Fakten aufbereitet, die Deine Argumentation unerschütterlich stützen. Warum schaffen das Grüne Linke und SPD Politiker nicht. Du solltest eine Denk und Argumentation Schule für progressive Politiker gründen, weil wenn die im Fernsehen sind können gehen die leider viel zu oft unter.
A propos Grenzkontrollen, da hält doch mein Zug von Paris nach Karlsruhe am Montag tatsächlich außerplanmäßig in Kehl, damit die Polizei durchmarschieren kann, um jeden Pass zu kontrollieren... Was Unsinnigeres gibt es kaum.