Bitcoin-Crash: Das sind die Gründe – und die Konsequenzen
Wieso der Bitcoin crasht, die Abwärtsspirale tödlich sein kann und welchen Denkfehler seine Befürworter machen
Minus 45 Prozent in vier Monaten? Gott sei Dank ist der Bitcoin nur ein Spekulationsobjekt und keine Währung. Denn eine Währung, die in einem halben Jahr die Hälfte ihres Wertes verliert: das wären ja türkische oder argentinische Verhältnisse – Zwinker, Zwinker.
Was ist los beim Bitcoin? Ist der Hype vorbei oder bietet der Markt nur eine günstige Einstiegsmöglichkeit für die wahren Bitcoinbros? Wir gehen rein!
Ähnlich geht es vielen anderen Firmen, die über windige Finanzierungen Geld in Bitcoin gesteckt haben – und bei Kursverlusten zu Verkäufen gezwungen werden, um ihre Liquidität zwecks Schuldentilgung zu sichern.
Darum ist der Bitcoin gefallen
Die harten Fakten zuerst: 59.300 Euro kostet ein Bitcoin, während ich in die Tasten haue. Und damit fast die Hälfte weniger als zum Allzeithoch vor vier Monaten. Anders als bei Aktien, hinter denen produktive Unternehmen, fleißige Mitarbeiter und zukünftige Cashflows stehen, die einen Aktienkurs rechtfertigen, gibt es all das beim Bitcoin nicht. Der Bitcoin ist ein Spekulationsobjekt ohne Wertschöpfung und Cashflow, dessen innerer Wert genau null Komma null Euro beträgt – und dessen Preis allein davon abhängt, dass Käufer hoffen, in Zukunft zu höheren Preisen verkaufen zu können. Im Englischen sagt man treffenderweise: Bigger-Fool-Game.
Warum ist der Kurs gecrasht? Einen einzigen Grund gibt es nicht. Dafür aber: eine denkbar schlechte Nachrichtenlage. Da ist, erstens, der designierte Chef der US-Zentralbank, Kevin Warsh. Der steht für eine restriktive Geldpolitik und wird den Leitzins wohl nicht so schnell absenken. Heißt: In US-Dollar-Anlagen, die mit Bitcoin konkurrieren, gibt es – im Gegensatz zum Bitcoin – hohe Zinsen zu verdienen. Und sogar abzüglich der Inflation wieder positive Realzinsen in langweiligen US-Staatsanleihen.
Dann ist da der US-Finanzminister, Scott Bessent. In einer Befragung im Repräsentantenhaus gestand er kürzlich, dass Trumps Krypto-Versprechen im Wahlkampf nur heiße Luft waren. Trump hatte eine nationale Krypto-Reserve versprochen – und damit den Kurs explodieren lassen. Klar, würde sich das größte Finanzministerium der Welt mit an den Pokertisch setzen, käme viel neues Geld ins Spiel. Bessent aber erteilte den Plänen eine Absage. Er habe keine Befugnis, Bitcoin zu kaufen. Lediglich illegal beschlagnahmte Bitcoins würden in eine solche Reserve überführt. Eine herbe Enttäuschung für gierige Laseraugen!
Für Bigger-Fool-Games sind solche Abwärtsstrudel potenziell tödlich, weil es keinen verlässlichen Halt gibt.
Den Kurs zum Fallen brachte auch die Bilanz der Firma Strategy. Dahinter steckt der Bitcoin-Apostel Michael Saylor. Niemand hat so viel Geld in Bitcoin investiert wie seine Firma. Über 700.000 Stück hält Strategy, also rund drei Prozent aller Bitcoins. Gekauft wurden die zum großen Teil auf Pump. Strategy hat Aktien und Anleihen ausgegeben, um gehebelt auf Bitcoin-Kursgewinne zu spekulieren. Vor vier Monaten schien der Plan aufzugehen: Strategy hatte 30 Milliarden US-Dollar unrealisierten Gewinn in den Büchern stehen. Doch der jüngste Kursverfall hat die Bilanz kippen lassen. Der aktuelle Kurs liegt nämlich unter dem durchschnittlichen Einstiegskurs von 65.000 Euro. In den Büchern stehen jetzt unrealisierte Kursverluste – in Milliardenhöhe. Wenn Strategy die ausgegebenen Anleihen bedienen muss, könnte es gezwungen sein, die Bitcoins zu miesen Kursen zu verkaufen. Die Folge: weiterer Kursverfall. Die herben Verluste würden realisiert, das Geld der Anleger und Gläubiger wäre futsch. Aus Sorge davor hat die Strategy-Aktie in den letzten vier Monaten sogar Zweidrittel ihres Wertes verloren. Also noch mehr als der Bitcoin selbst.
Ähnlich geht es vielen anderen Firmen, die über windige Finanzierungen Geld in Bitcoin gesteckt haben – und bei Kursverlusten zu Verkäufen gezwungen werden, um ihre Liquidität zwecks Schuldentilgung zu sichern. Und je weiter der Kurs fällt, desto weniger verdienen die Bitcoin-Miner, die gegebenenfalls ihre Anlagen abschalten und in Euro oder US-Dollar bankrott gehen. Ein Abwärtsstrudel.
Wohin führt der Abwärtsstrudel?
Für Bigger-Fool-Games sind solche Abwärtsstrudel potenziell tödlich, weil es keinen verlässlichen Halt gibt. Keinen „Boden“, der eingezogen werden kann. Anders als bei Währungen. Da gibt es immer jemanden, der in der Währung verschuldet ist und sich bei günstigen Kursen einkauft, um seine Schulden zu bedienen – was den Kurs dann stützt und den Verfall stoppen kann. In Bitcoin ist aber niemand verschuldet (die Schulden der Investoren werden ja in Euro und US-Dollar gemacht). Und es gibt keine Dividenden oder Zinsen, auf die sich Anleger verlassen können. Alles lebt von der Hoffnung „Bigger Fools“ zu finden. Ist die einmal gebrochen, befinden sich Anleger in einem Fass ohne Boden.
Bitcoin-Apostel mit viel Reichweite (wie Marc Friedrich oder Roman Reher) framen solche Crashs deshalb als „Kurskorrektur“ und „günstige Einstiegschance“. Langfristig, heißt es dann, könne der Bitcoin ja nur steigen. Minus 45 Prozent sei auch kein Crash, sondern „Volatilität“. Die Vergangenheit habe das ja bewiesen. Der Bitcoin habe schon häufiger heftige Einbrüche gehabt, sogar schon bis zu 80 Prozent – und sich davon aber erholt.
Ja, der Rückspiegel gibt dem Argument der Apostel recht. Bisher – Ausrufezeichen! Denn: Dahinter steckt ein typischer Denkfehler. Der Survivorship Bias (auf Deutsch: Überlebenden-Verzerrung). Man schaut nur auf den Coin, der bis heute überlebt hat und blendet tausende gescheiterte Krypto-Projekte aus. Aus dem Umstand, dass Bitcoin heute noch da ist, sich bisher immer wieder von Crashs erholt hat und seit seiner Gründung von mehr als zehn Jahren irrwitzige Kursgewinne erzielt hat, wird rückblickend eine Erfolgsgeschichte konstruiert. Der statistische Ausreißer wird zu einem logischen, planbaren Erfolg verklärt – der sich in Zukunft immer wiederholen ließe.
Und natürlich kann (!) sich das wiederholen. Es spricht allerdings auch einiges dagegen. Bisher hing der Erfolg nämlich daran, dass der Bitcoin einer immer größeren und reicheren Gruppe in das Bigger-Fool-Game aufgeschwatzt werden konnte. Immer mit Hoffnung, Bitcoin könne das Geld der Zukunft werden. Nur: Erstens ist das Märchen vom Geld der Zukunft auserzählt, weil Bitcoin nicht als Geld genutzt und gesehen wird. Außer vielleicht von Kriminellen – kein Wunder, dass die Suche nach Bitcoin in den Epstein-Dokumenten tausende Treffer erzielt. Und zweitens gibt es seit dem Einstieg der Finanzindustrie keine größere, reichere Gruppe mehr, die Bitcoiner in das Schneeballsystem holen können. Außer vielleicht das US-Finanzministerium, wenn Trump oder ein anderer verrückter Republikaner zur nächsten Wahl wieder den staatlichen Einstieg versprechen, um Stimmen einzufangen. Doch auch diese Hoffnung wird sich abnutzen. Und das größte Schneeballsystem der Geschichte der Menschheit an sein Ende kommen.
Wird die Welt dann eine bessere sein? Vielleicht ein bisschen. Wenn wir lernen, dass bei Schneeballsystem nur die reich werden, die an der Spitze stehen. Dass die Gewinner bei Nullsummenspielen zu den Kosten der Verlierer leben (Nein, nicht alle können mit Bitcoin reich werden, sorry). Dass Wetten ein unproduktives Geschäft sind – vom Raststätten-Automaten bis zur Bitcoin-Wallet. Und dass wir uns angesichts des Klimawandels solche unnötigen Energiefresser nicht mehr leisten können. Aber selbst wenn der Bitcoin geht: die Gier, die Scharlatane und die Emissionen werden bleiben.



Price leads, narrative follows.
Meiner Meinung nach ist jeder aufklärerische Text von Maurice, besser (und wertvoller für die individuelle Bildung) als die Bitcoin Texte.
„Der Survivorship Bias" ist ein guter Punkt, doch im Bitcoin denken ist die Digitalisierung von Wert ein „Winner-takes-it-all"-Ding. Bedeute: das absterben kleinerer Coins ist dort nicht ein Anzeichen von Gefahr für Bitcoin, sondern ein Zeichen dafür, dass Bitcoin genau das macht was es soll.
Das Bitcoin ist für kriminelle Argument andererseits ist ziemlich schwach, denn für jeden negativen nutzen gibt es auch einen positiven. Auch wenn die bewegten Summen sich unterscheiden mögen, ist sowohl positive als auch negative Nutzung so irrelevant im Vergleich zum Spekulationsaspekt, dass dieses Argument nur Hilft einen Text länger zu machen. (da geben wir uns wohl die Hand).
Das moralische aufladen von Bitcoins Emissionen erscheint auch nicht allzu durchdacht, wenn man bedenkt, was für eine unfassbar unnötige Überproduktion und Wegwerfgesellschaft durch das Fiat-Geld aufrechterhalten und sogar erzwungen wird.
Zum Thema „Bigger-Fool": Was würde denn passieren, wenn alle Welt sich entscheidet die MMT zu verfolgen? Auch wenn sich die MMT-ler der realen Grenzen bewusst wären, wäre die Politik in der Lage diese anzuerkennen, oder würde sie die Konkurrenz zwischen Nationalstaaten nur auf die Spitze treiben?
Ob Fiat oder Bitcoin den Kampf um die Äquivalentform gewinnen kann, kann uns eigentlich egal sein, aber wir könnten mal über die Grenzen dieses Kampfes hinausdenken.
Kriminelle haben in der Geschichte bereits mehrfach die Marschrichtung vorgegeben/mitbestimmt.
Und welche andere Möglichkeit gibt es sich von gierigen Banken (so gierig, dass sie es schaffen pleite zu gehen) unabhängig zu machen sonst?