Diese Kürzungen sind ein Angriff auf Mütter
Kürzungen beim Eltern- und beim Kinderkrankengeld verfestigen Anreize, die Mütter zu unbezahlter Sorgearbeit drängen. Das Gegenteil wäre richtig
Die Bundesregierung will beim Elterngeld und beim Kinderkrankengeld kürzen. Ausgerechnet da, wo das bestehende System schon heute massive Fehlanreize setzt. Statt Sorgearbeit gerecht zu verteilen, drängt es vor allem Mütter in unbezahlte Care-Arbeit – mit allen bekannten Folgen: geringere Einkommen, schlechtere Karrierechancen, niedrigere Renten (von toxischen Abhängigkeiten, die daraus entstehen, ganz zu schweigen). Nur: Wo bleibt der Aufschrei?
Statt angezündeten Windeln vor dem Bundeskanzleramt gibt es nur vereinzelt wütende Kolumnen (geschrieben von: Frauen) und 0815-Pressemitteilungen (herausgegeben von: Sozialverbänden). Vielleicht, weil uns allen ganze Zeit eingetrichtert wird, dass nun mal gespart werden und der Sozialstaat verkleinert werden müsse (Augenroll-Emoji)? Oder weil Eltern- und Kinderkrankengeld halt überwiegend von Müttern bezogen werden – und sich zu wenig Männer und Väter dafür verantwortlich fühlen? Warum auch immer, der fehlende Aufschrei ist falsche Zurückhaltung. Denn diese Kürzungen gehen alle an – zumal in einer alternden Gesellschaft, die um ihren Wohlstand fürchtet!
Deutschland braucht ein grundsätzlich anderes Modell: 100 Prozent Elterngeld und 100 Prozent Kinderkrankengeld.
Inflationsausgleich? Und 100 Prozent!
Ein Blick in den Koalitionsvertrag lässt einen zu den Vorhaben beim Elterngeld verwirrt die Stirn runzeln. „Wir wollen die Einkommensgrenze sowie den Mindest- und Höchstbetrag spürbar anheben“, hieß es dort großspurig. Passiert ist das Gegenteil. Seit der Einführung des Elterngelds 2007 wurden Mindest- und Höchstbetrag nie an die Inflation angepasst. Das Elterngeld hat dadurch mittlerweile fast die Hälfte seiner Kaufkraft verloren. Und jetzt sollen auch noch für den nächsten Bundeshaushalt 350 Millionen Euro eingespart werden?
Besonders absurd wird das beim Blick auf die Verteilung. Rund 1,61 Millionen Menschen bezogen im vergangenen Jahr Elterngeld. Mehr als jedes sechste Elternpaar erhält den Höchstbetrag, jedes fünfte lediglich den Mindestbetrag. Mehr als ein Drittel aller Familien ist also direkt von dem fehlenden Inflationsausgleich betroffen. Wer wenig verdient, bekommt mit dem Mindestbetrag kaum genug zum Leben. Wer etwas mehr verdient, läuft in den gedeckelten Höchstbetrag und verliert real Jahr für Jahr Kaufkraft.
65 Prozent des vorherigen Nettoverdienstes ersetzt das Elterngeld heute in der Regel – gedeckelt auf maximal 1.800 Euro. Mindestens gibt es 300 Euro. Beträge, die heute vielerorts kaum die Miete decken. Überhaupt: Das System zementiert die ungleiche Verteilung von Sorgearbeit. Denn statistisch verdienen Männer im Durchschnitt noch immer mehr als Frauen. Die Folge: In vielen Familien übernimmt die Mutter die längere Elternzeit, weil der Verdienstausfall dort geringer ist. Dasselbe gilt für Kinderkrankentage. Wenn das Kind krank ist, bleibt meist die Mutter zuhause – nicht weil Eltern das unbedingt gerecht finden, sondern weil das System finanzielle Zwänge schafft. Wer echte Gleichstellung will, darf Sorgearbeit nicht länger bestrafen.
Deshalb braucht es nicht nur endlich den seit 2007 überfälligen Inflationsausgleich. Deutschland braucht ein grundsätzlich anderes Modell: 100 Prozent Elterngeld und 100 Prozent Kinderkrankengeld.
Wer Kinder bekommt oder ein krankes Kind pflegt, leistet gesellschaftlich unverzichtbare Arbeit. Warum sollen Familien dafür finanziell abgestraft werden? Warum behandeln wir Erwerbsarbeit als vollwertig, Sorgearbeit aber als privaten Luxus? Die Wahrheit ist: Gute Sorgearbeit ermöglicht erst gute Erwerbsarbeit. Gegen die geplanten Kürzungen sollten also nicht nur Sozialverbände schimpfen – sondern auch die Arbeitgeberlobby!
Während in Deutschland viele Väter nur die symbolischen zwei „Partnermonate“ nehmen, teilen in Norwegen inzwischen neun von zehn Vätern die Elternzeit mit der Mutter.
Von Norwegen lernen
Ein Blick nach Norwegen zeigt, dass es anders geht. Dort können Eltern zwischen 49 Wochen Elternzeit mit 100 Prozent Lohnersatz oder 59 Wochen mit 80 Prozent wählen. Die Folgen sind enorm: Während in Deutschland viele Väter nur die symbolischen zwei „Partnermonate“ nehmen, teilen in Norwegen inzwischen neun von zehn Vätern die Elternzeit mit der Mutter. Noch vor zwanzig Jahren waren es gerade einmal zwei Prozent.
Der Unterschied ist nicht kulturell, sondern finanziell. In Norwegen bedeutet Elternzeit für viele Familien keinen drastischen Einkommensverlust. Genau deshalb nehmen deutlich mehr Männer Elternzeit – und übernehmen später auch dauerhaft mehr Sorgearbeit. Studien zeigen laut norwegischen Forschern, dass Väter, die länger Elternzeit nehmen, sich auch danach stärker an Kinderbetreuung und Haushalt beteiligen. Das wiederum wirkt sich positiv auf die berufliche Karriere und die Gesundheit der Mütter aus, die sonst häufig wegen alleiniger Sorgearbeit körperlich und mental ausbrennen (ich erspare uns hier die vielen erschrecken Details, aber empfehle wärmstens dieses Buch von Alexandra Zykunov).
Deutschland dagegen produziert mit seinem 65-Prozent-Modell genau das Gegenteil – und befeuert die Ungleichheit. Um die zu überkommen, braucht es im Bundeshaushalt mehr (!) Geld für Eltern – nicht weniger. Die Kürzungen verbieten sich nicht nur, weil eigentlich ein Inflationsausgleich versprochen war, sondern auch (und vor allem) weil das System die Vergangenheit zementiert. Zulasten von Müttern.

