Fragen Sie mal Ihre Töchter, Herr Merz!
Hebammen, Kinderärzte, Elterngeld: Die Politik ignoriert, dass die soziale Infrastruktur am Limit ist
Ich werde Vater. Kommenden Sommer. Was für ein Glück – persönlich. Aber auch: Was für ein bitterer Realitätscheck – politisch. So ein Ultraschallbild öffnet nämlich eine neue, schonungslose Perspektive auf den Zustand der sozialen Infrastruktur und der Familienpolitik. Und der lässt mich fassungslos mit dem Kopf schütteln.
Wer ein Kind bekommt, erkennt sehr schnell: Die soziale Infrastruktur in der drittgrößten Volkswirtschaft der Welt ist kein sicheres Netz, sie ist ein löcheriger Flickenteppich. Ein Flickenteppich, über den rund 18 Millionen Eltern minderjähriger Kinder laufen – und deren Probleme von der Politik ignoriert werden.
Symbolisch dafür war die peinliche Antwort von Kanzler Merz in der ARD-Arena im Dezember. „Das Problem kenne ich so nicht“, sagte Merz, als drei Hebammen ihn in der Sendung nach seiner Position zur problematischen Reform des Hebammenhilfevertrages fragten. Zu dem es, wohlgemerkt, neben vielen Pressestatements, Zeitungsartikeln, viralen Reels und gar einem prominenten ProSieben-Spot auch eine Petition mit mittlerweile rund einer halben Million Unterschriften gibt. Und in dessen Folge rund die Hälfte der freiberuflichen Hebammen ans Aufhören denkt, weil der neue Vertrag ihre Bezahlung verschlechtert und ihre Arbeit mit realitätsfremder Bürokratie überfrachtet.
Wochenbetten und Krankenhäuser ohne Hebammen sind für den Kanzler wohl leider kein Problem im Stadtbild. Hätte er mal seine Töchter gefragt – Zwinker, Zwinker!
Dabei gibt es schon heute zu wenige Hebammen. Und sie arbeiten längst am Limit, werden zu schlecht bezahlt, sind überversichert, überlastet und unterfinanziert. Viele gehen längst über ihre eigene Belastungsgrenze, um einen Systemkollaps zu vermeiden. Werdenden Eltern wird deshalb geraten, schon ab dem positiven Schwangerschaftstest eine Hebamme zu suchen, am besten noch vor dem ersten Termin beim Frauenarzt – und sich auf viele „Sorry, da bin ich schon komplett ausgebucht“-Absagen einzustellen. Wochenbetten und Krankenhäuser ohne Hebammen sind für den Kanzler wohl leider kein Problem im Stadtbild. Hätte er mal seine Töchter gefragt – Zwinker, Zwinker!
Dann sind da die Krankenhäuser mit angeschlossenen Kinderkliniken. Chronisch überlastet, Personal am Anschlag, Betrieb kaputtgespart und auf Wirtschaftlichkeit getrimmt. Der Vater möchte nach der Geburt mit im Krankenhaus übernachten? Das geht leider nicht, dafür haben wir keine Kapazität. Nein, auch nicht auf der Privatstation – für 280 Euro die Nacht –, die ist leider auch voll.
Überhaupt: Väter und Geburt? Väter und Wochenbett? Klar, als Selbstständiger kann ich mir natürlich freinehmen (stellt euch schon mal auf eine längere Sommerpause ein); wer aber angestellt ist, muss die Tage von seinem regulären Urlaubsanspruch abziehen. Sonderurlaub für Väter? Gibt es in Deutschland nicht. Obwohl es eine EU-Richtlinie verlangt und in unseren Nachbarländern längst etabliert ist. Schuld daran tragen Union und FDP, die sich vor den Karren der Arbeitgeberlobby spannen lassen (hier erklärt).
Elterngeld? Seit 18 Jahren nicht an die Inflation angepasst, seither um fast die Hälfte entwertet. Elterngeld als Selbstständiger? Bürokratischer Wahnsinn. Kindergeld? Bringt der Mittelschicht ein Drittel weniger Geld als den Reichen der Kinderfreibetrag. Und wird bei geprellten Alleinerziehenden weiterhin mit dem Unterhalt verrechnet. Kitaplätze? Theoretisch gibt es einen gesetzlichen Anspruch, praktisch fehlen einfach Plätze. Ach und: Habt ihr schon einen Kinderarzt? Also einen, der noch neue Kinder aufnimmt?
All das zeigt: Die soziale Infrastruktur rund um das Kind ist ein System am Kipppunkt. Und zwar so sehr, dass es einem kurz nach positivem Schwangerschaftstest von allen Seiten entgegenschlägt. In einer alternden Gesellschaft, die von klugen Köpfen und nicht von üppigen Rohstoffen lebt, ist das organisierte Verantwortungslosigkeit und ökonomische Dummheit.
Und dazu ein politischer Offenbarungseid: Union und SPD biedern sich mit Knallhart-Asylpolitik bei zwölf Millionen AfD-Wählern an, aber ignorieren die Sorgen und Nöte der viel größeren Wählergruppe von 18 Millionen Eltern minderjähriger Kinder? Eine fatale Weichenstellung. Für mich jetzt nicht mehr nur politisch, sondern auch persönlich.


Glückwunsch, Maurice! Abgesehen von meiner inhaltlichen Zustimmung finde ich deinen Schreibstil auch richtig stark - hat mir schon immer gefallen, ist aber auch noch besser geworden mit der Zeit.
Glückwunsch! Aufregende Zeit. Meine Frau und ich erwarten ebenfalls ein Kind. Bei uns waren es 31 Anfragen an Hebammen in Frankfurt. Die 32. hat dann geklappt. War aber auch die einzige, die Kapazitäten hatte. Die anderen haben größtenteils nur mit Auto-Reply „ab Sept 26 wieder“ geantwortet. Der Zustand ist wirklich desaströs – und die Bedingungen für Hebammen eine Vollkatastrophe. Und das in einem Land, welches mit einer überalternden Gesellschaft kämpft.