Arbeitskosten, Bürokratie, Krankentage, Sozialausgaben, Energiepreise. Alles zu teuer, alles zu viel. Daran kranke die Wettbewerbsfähigkeit, deshalb wachse die Wirtschaft nicht. Alles müsse runter, alles weg, billiger werden, schlanker werden. Mehr Angebot, weniger Fesseln, sagen die, die im öffentlichen Diskurs stattfinden. In den Nachrichten, in den Talkshows, in den Zeitungen.
Worüber keiner redet: fehlende Nachfrage. In Deutschland grassiert die Konsumkrise – noch immer. Die Menschen kaufen zu wenig ein. Zu wenige Haarschnitte, zu wenige Restaurantbesuche, zu wenige neue Möbel, Jacken, Spielzeuge und Fahrräder. Über die Sparprogramme bei den großen Autokonzernen hagelt es Schlagzeilen. Die Konsumkrise hingegen findet im Stillen statt: leere Wartezimmer, halbvolle Einkaufswagen, freie Tische.
John Maynard Keynes würde sich vermutlich im Grabe umdrehen, wenn er Friedrich Merz, Lars Klingbeil und Christine Lagarde dabei zuhören könnte.
Das ist das Tückische an einer Nachfrageschwäche: Sie hat keinen spektakulären Moment. Kein Werkstor schließt plötzlich, weil die Menschen einen Haarschnitt weniger im Monat machen. Kein Kamerateam steht vor einem leeren Restaurant, weil eine Familie auf den Besuch verzichtet. Aber Millionen solcher kleinen Entscheidungen summieren sich zu einem großen wirtschaftlichen Problem. Was für den Einzelnen 30 Euro weniger Ausgaben sind, ist für die Gesamtwirtschaft fehlender Umsatz. Und fehlender Umsatz bedeutet für Unternehmen weniger Einnahmen, weniger Investitionen und irgendwann auch weniger Beschäftigung.
Weniger Umsatz, mehr Arbeitslose
Die Folgen lassen sich an handfesten Zahlen ablesen. Im August waren 3,06 Millionen Menschen arbeitslos gemeldet – rund 742.000 mehr als im selben Monat 2019. Das sind 32 Prozent mehr. Stünden all diese Menschen in einer Menschenkette vor dem Kanzleramt, um sich über ein fehlendes Konjunkturprogramm zu beschweren, wäre sie rund 370 Kilometer lang. Also ungefähr vom Kanzleramt bis nach Nürnberg, Bremen oder Osnabrück.
Auch beim Konsum selbst sieht es nicht besser aus. Der reale Umsatz im Einzelhandel bewegt sich seit Jahren im Wesentlichen seitwärts. Nominal sehen die Zahlen natürlich besser aus, weil die Preise gestiegen sind. Aber preisbereinigt ist von einem kräftigen Konsumaufschwung wenig zu sehen. Im Juli 2026 lag der reale Einzelhandelsumsatz sogar 2,5 Prozent unter dem Vorjahresmonat.
Und auch die Verbraucherstimmung erzählt dieselbe Geschichte: Nach der Erholung von den schlimmsten Corona-Tiefs ist sie noch tiefer eingebrochen. Und liegt auch heute tiefer als zum Start der Kanzlerschaft von Friedrich Merz. Dabei wollte der doch schon in 100 Tagen für bessere Stimmung sorgen, oder? Klappt genau so gut wie sein Plan, die AfD zu halbieren!
Besonders drastisch zeigt sich die Krise in der Gastronomie. Inflation herausgerechnet und um Saisoneffekte bereinigt machen Restaurants und Gaststätten heute noch immer rund 23 Prozent weniger Umsatz als 2019. Auf 100 Euro, die Gastronomen damals mit ihren Gästen verdient haben, kommen heute real nur noch rund 77 Euro. Bildlich gesprochen: Wo früher vier Euro Umsatz gemacht wurden, sind es heute nur noch gut drei. Fast jeder vierte Euro ist weg. Dahinter stehen weniger Restaurantbesuche, weniger Essen gehen, weniger Kaffee zwischendurch, weniger Bier nach Feierabend. Sieben Jahre später ist die Gastronomie real noch immer weit von ihrem Vorkrisenniveau entfernt. Das ist keine kleine Delle. Das ist Krise. Denn hier können die Menschen besonders einfach sparen: den Restaurantbesuch ausfallen lassen, den Kaffee zu Hause trinken, das Mittagessen mitbringen.
Keine Kaufkraft, keine Nachfrage, kein Wachstum
Der Grund für die Konsumkrise ist schnell ausgemacht. Die vergangenen Jahre haben die Geldbeutel der breiten Mehrheit kleingefressen. Die logische Reaktion darauf ist – wenn möglich – verzichten und sparen. Oder eben Schulden machen.
Die Reallöhne sind zwar inzwischen wieder ungefähr auf dem Niveau von 2019. Aber die Verluste dazwischen sind damit noch lange nicht wettgemacht. Wer drei Jahre lang Kaufkraft verliert, kann nicht so tun, als sei nichts passiert, nur weil das Reallohnniveau irgendwann wieder am Ausgangspunkt angekommen ist. Außerdem sind die Sozialabgaben seitdem gestiegen – und steigen absehbar weiter. Sprich: Vom Brutto bleibt weniger Netto. Beides wird häufig vergessen, wenn Ökonomen aus den jüngsten Anstiegen der Reallöhne auf eine bessere Verbraucherstimmung schließen. Erst wenn die Reallöhne einige Jahre deutlich über dem Niveau von 2019 liegen, können viele Menschen ihre finanziellen Puffer wieder auffüllen und Schulden zurückzahlen. Oder es bräuchte spürbare Entlastungen durch die Bundesregierung.
Die aber ignoriert die Konsumkrise und verzichtet auf ein echtes Konjunkturprogramm. Die Haushaltskürzungen im Sozialetat verschärfen die Situation vieler Familien sogar noch: weniger Elterngeld, weniger Wohngeld, weniger Unterhaltsvorschuss, kein Kindersofortzuschlag, dafür höhere Zuzahlungen bei Medikamenten und schärfere Sanktionen beim Bürgergeld.
Und jetzt kommt auch noch der nächste Kaufkraftschock. Die Gaspreise sind auf ein Drei-Jahres-Hoch gestiegen, die Strompreise ziehen mit und der Krieg mit dem Iran treibt die Öl- und damit die Benzinpreise nach oben. Die Tankfüllung wird teurer, die nächste Stromrechnung wird teurer, Heizen wird teurer – und am Ende des Monats bleibt schon wieder weniger Geld für alles andere.
Sozialkürzungen sind deshalb nicht nur Sozialpolitik. Sie sind auch Nachfragepolitik. Überhaupt scheint das Wort „Nachfrage“ aus der wirtschaftspolitischen Debatte verschwunden zu sein. Finanzminister Lars Klingbeil spricht von Investitionen, Modernisierung und Konsolidierung. Überall ist von Wettbewerbsfähigkeit und Angebotsbedingungen die Rede. Aber wann reden wir eigentlich darüber, wie die Menschen wieder mehr kaufen können? Eine Volkswirtschaft wächst schließlich nicht allein dadurch, dass Unternehmen mehr produzieren können. Sie wächst auch dadurch, dass jemand ihre Produkte kauft. Investitionen sind wichtig, keine Frage. Eine bessere Infrastruktur ist wichtig. Eine wettbewerbsfähige Industrie ist wichtig. Aber Unternehmen investieren nicht aus Nächstenliebe. Sie investieren, wenn sie erwarten, dass es sich lohnt. Und dafür brauchen sie Absatzmöglichkeiten. Wer die Nachfrage ignoriert, kann noch so lange über das Angebot reden.
Selbst die Geldpolitik arbeitet gerade gegen die Nachfrage. Die EZB hat vergangene Woche die Leitzinsen erneut um 0,25 Prozentpunkte erhöht – ausdrücklich wegen des neuen Inflationsschubs durch den Krieg im Nahen Osten und die gestiegenen Energiepreise. Heißt: Nicht nur Gas und Benzin werden teurer – auch das Geld wird teurer. Kredite verteuern sich, Investitionen werden gebremst und die Nachfrage zusätzlich gedämpft.
Dabei wäre jetzt das Gegenteil nötig: eine Kaufkraftoffensive. Mehr Geld für diejenigen, die es auch ausgeben. Und ein Sozialstaat, der nicht als Kostenblock betrachtet wird, sondern als Stütze der Nachfrage.
John Maynard Keynes würde sich vermutlich im Grabe umdrehen, wenn er Friedrich Merz, Lars Klingbeil und Christine Lagarde dabei zuhören könnte.






Ich verstehe die ganze Zeit nicht, warum Mehrarbeit der Wirtschaft helfen soll, wo sie doch derzeit nicht sehr gefragt ist. Überall werden Menschen entlassen. Wenn das Problem angeblich die Arbeitsmoral ist, warum halten die Unternehmen ihre Arbeitskräfte nicht? Tatsächlich geht es wohl eher darum, die Arbeit noch billiger zu machen.
Hinzu kommt, dass laut IDW gerade die untersten Einkommensschichten seit 25 Jahren eigentlich keine Reallohnsteigerung erfahren haben. Das sind ja gerade die Menschen, die ihr Einkommen nahezu vollständig für den Konsum ausgeben.
Auch in der Autoindustrie ist ja gerade die Nachfrage das Problem. Wer am Markt vorbeiproduziert, bekommt eben Probleme. Da können sich Leute am Fließband die Hände wundarbeiten. Wenn die Produkte auf Halde auf Parkplätzen stehen, gibt es weder Umsatz noch Gewinne.
Man sieht in dieser Sparte, dass aktuell die ungeliebten E-Kleinwagen, die weniger Rendite abwerfen als die Luxus-Protzschlitten, bei Kunden heißbegehrt sind. Diese Autos werden aber in Spanien, Portugal oder Osteuropa produziert.
Servus, super Analyse. Danke für den lesenswerten Arikel. Die 23% in der Gastro sollte ein Weckruf sein!
Ich komme als Ingenieur aus der sehr tiefen Unternehmensanalyse und schaue mir primär die Bilanzen einzelner Firmen an. Aber man darf Unternehmen nie alleine betrachten sondern muss alles immer im Kontext sehen. Dafür liefert dien Aritkel echten Mehrwert! Ein trockengelegter Markt zeigt die wirtschaftlichen Strukturen. (zumindest blicke ich durch diese sehr enge Bottom-Up-Brille auf die Zahlen). Ich suche bei meinen Investments immer gezielt nach echter Preissetzungsmacht und einem unüberwindbaren Burggraben. Bricht die Nachfrage auf breiter Front weg, kollabieren Firmen mit miesem ROIC augenblicklich.
Deine Artikel sind ein massiver Mehrwert für die deutsche Finanz-Szene. Richtig starke Arbeit.
Danke
Flo ✌🏻