45 Euro kostet eine durchschnittliche Arbeitsstunde in Deutschland, 35 Euro sind dagegen der EU-Durchschnitt: „Haben wir da ein Thema?“, fragt die Moderatorin Sarah Tacke in ihrer neuen Talkshow den Linken-Politiker Bodo Ramelow. Und der antwortet: „Ja, klar haben wir da ein Thema!“ Heißt: Der Linken-Politiker stimmt in den Chor der Rechten und der Arbeitgeberlobby ein, wonach Arbeit in Deutschland zu teuer sei.
Mir ist fast das Handy aus der Hand gefallen, als ich das das erste Mal gesehen habe. Und das, obwohl ich schon eine Woche vorher SPD-Chefin Bärbel Bas im Sommerinterview sagen hören habe, dass sie als Ministerin mit der Union bei den Arbeitskosten Kompromisse finden müsse, weil das „die Wirtschaft“ sage. Hallo? Geht’s noch? Schaffen es Linke 2026 nicht einmal mehr bei typischen Gewerkschaftsthemen mit Fakten dagegenzuhalten? Wie in aller Welt will man die Rechten daran hindern, den Sozialstaat zu zertrümmern, wenn man nicht einmal bei den Löhnen dagegenhalten kann?
Jeder linke Politiker – egal in welcher Funktion oder Partei – sollte imstande sein, diese manipulative (oder dumme?) Frage von Sarah Tacke zu kontern.
Okay, durchatmen. Kommen wir zu den Fakten.
Erstens: Ja, eine Arbeitsstunde kostet in Deutschland 45 Euro. Und, ja, der EU-Schnitt liegt bei 35 Euro. Aber hinter dem Durchschnitt stecken einige Länder, die ähnlich reich sind wie wir, in denen die Arbeitskosten ähnlich hoch liegen. Dänemark mit 51,70 Euro, die Niederlande mit 47,90 Euro, Österreich mit 46,30 Euro oder Frankreich mit 44,30 Euro. Und viele arme Länder, die meilenweit unter uns liegen. Kroatien mit 18,40 Euro, Griechenland mit 18,20 Euro oder Bulgarien am unteren Ende mit 12 Euro. Genau 35 Euro kostet eine Arbeitsstunde nirgends. Italien liegt mit 32 Euro am nächsten am Durchschnitt. Was also genau sollen die 35 Euro als Durchschnitt beweisen, wenn der von armen Ländern wie Bulgarien nach unten gerissen wird?
Zweitens: Eine durchschnittliche Arbeitsstunde in Deutschland kostet zwar 45 Euro, bringt aber mehr als 70 Euro an Wertschöpfung. Unternehmen bekommen also aus jeder Stunde mehr als das Anderthalbfache von dem raus, was sie reinstecken. Ich hätte gerne gesehen, was Moderatorin Tacke gesagt hätte, wenn Ramelow als Rückfrage gestellt hätte: „Ist das zu wenig?“. Natürlich muss man beides im Verhältnis sehen!
Drittens: Einer der wichtigsten Maßstäbe für die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes sind die Lohnstückkosten. Also die Löhne im Verhältnis zur Produktivität. Und siehe da: Obwohl eine Stunde Arbeit in Deutschland fast viermal so teuer ist wie in Bulgarien, liegen die Lohnstückkosten nur zehn Prozent über denen von Bulgarien.
Die Sarah-Tacke-Talkshow und das Stammtisch-Gelaber von zu hohen Arbeitskosten kann man gerne zu Bulgarien führen.
Viertens sind die Lohnstückkosten in Deutschland in den letzten drei Jahrzehnten viel langsamer gestiegen als in den Nachbarländern. Deutschland hat dadurch vor allem in den ersten 20 Jahren seit Euro-Einführung Marktanteile von den Nachbarn aus Frankreich, Österreich und Italien abgerungen. Ohne den Euro wäre das nicht möglich gewesen, weil die deutsche Währung zwangsläufig aufgewertet hätte und der Preisvorteil so egalisiert worden wäre. Gestartet ist Deutschland in den Euro übrigens mit einem kleinen Importüberschuss. Erst mit der Agenda 2010 wurde Deutschland zum „Export-Weltmeister“. Weil in dieser Zeit die Lohnstückkosten besonders stark nach unten gedrückt worden. Wenn also ein Land sich nicht über „zu hohe Arbeitskosten“ beschweren darf, dann Deutschland.
Selbst die neoliberale Marketingmaschine namens INSM hat dazu diese erschreckende Grafik. Die zeigt: Die realen Arbeitnehmerentgelte pro Stunde steigen seit 30 Jahren langsamer als die Produktivität. Sprich: Die Unternehmen haben die Wohlstandsgewinne der letzten 30 Jahre nicht mit den Beschäftigten fair geteilt (auch ein Versagen der Gewerkschaften), sondern sich einen größeren Teil selbst eingesteckt. Allein diese Grafik verbietet jede Debatte über zu hohe Arbeitskosten!
Fünftens: Vergleicht man den Anstieg der Arbeitskosten im letzten Jahr unter den EU-Ländern landet Deutschland mit 3,4 Prozent auf dem fünftletzten Platz. Der Durchschnitt liegt bei 4,3 Prozent. Am stärksten sind die Löhne in den osteuropäischen Ländern gestiegen. Auf Platz eins: Bulgarien mit 13,1 Prozent.
Deutschland ist nicht Bulgarien
Wenn man also tatsächlich ein Beispiel für ein Land sucht, in dem die Arbeitskosten zu stark steigen, dann ist es eben: Bulgarien. Dem Plus von 13,1 Prozent bei den Arbeitskosten steht 2025 nämlich nur ein Produktivitätswachstum von 1,2 Prozent gegenüber. Und auch die Wirtschaft ist nur um drei Prozent gewachsen. In Bulgarien sind die Lohnstückkosten also förmlich nach oben gesprungen – und haben die Wettbewerbsfähigkeit geschliffen.
Wenn die Löhne nämlich schneller steigen als die Produktivität – das umgekehrte Szenario zu Deutschland –, dann steigen die Kosten der Produktion relativ zu den europäischen Wettbewerbern. Bulgarische Unternehmen werden auf den europäischen und weltweiten Märkten teurer. Ablesen kann man den Effekt auch schon an der Handelsbilanz. Die höheren Kosten belasten die Exporte und ermöglichen den Verbrauchern mehr Importe. Die Folge: Ein wachsender Importüberschuss. Der wiederum bedeutet: Es fließt Nachfrage ins Ausland ab – und schwächt die Binnenwirtschaft.
Um die abfließende Nachfrage zu ersetzen, muss der Staat mehr neue Schulden machen. So auch der Fall in Bulgarien. Das jährliche Defizit wächst und betrug 2025 3,5 Prozent. Gemäß den EU-Regeln eigentlich zu viel. Zwar ist der Schuldenstand mit unter 30 Prozent noch verhältnismäßig gering, aber in der Ausgangslage ist es nur eine Frage der Zeit, bis die EU von der bulgarischen Regierung Kürzungen verlangt und das Land – wie Frankreich, Italien und Griechenland – in einer toxischen Falle aus Handelsbilanzdefiziten, Staatsdefiziten und blauen Briefen der EU-Kommission landet.
Noch ist es allerdings so, dass die bulgarischen Unternehmen den Effekt dadurch schmälern, dass sie die höheren Kosten nicht vollständig weitergeben. Weil sie wissen, dass sie sonst noch mehr Marktanteile verlieren würden, akzeptieren sie kurzfristig kleinere Margen und Gewinne. Deshalb betrug auch die Inflationsrate für das Jahr 2025 in Bulgarien „nur“ 3,5 Prozent. „Nur“ in dem Sinne, als dass der Anstieg der Lohnstückkosten ein Vielfaches davon ist und man erwarten würde, dass die Unternehmen die Preise eigentlich viel stärker erhöhen würden – wohlgemerkt: wenn sie nur könnten und ihnen nicht die Konkurrenz aus Polen und Deutschland das Geschäft streitig machen würde.
Die Sarah-Tacke-Talkshow und das Stammtisch-Gelaber von zu hohen Arbeitskosten kann man gerne zu Bulgarien führen. Dann wäre es auch angebracht, dass Bodo Ramelow als Linker zustimmt und etwa den Euro-Beitritt Bulgariens kritisiert. Denn mit eigener Währung hätte Bulgarien zumindest abwerten können und so einen Hebel gehabt, um die falsche Lohnpolitik zu kompensieren. Dieser Hebel ist aber weg. Und eingetauscht gegen starre und falsche EU-Schuldenregeln.
Nur zu Deutschland ist die Debatte leider völlig fehl am Platze. Und sowohl ein Armutszeugnis für das ZDF als auch für Bodo Ramelow. Jeder linke Politiker – egal in welcher Funktion oder Partei – sollte imstande sein, diese manipulative (oder dumme?) Frage von Sarah Tacke zu kontern.






Tja, das ist das Problem mit den statistischen Methoden! Wenn man ein arithmetisches Mittel bildet über Zahlen, die nicht normalverteilt sind und Ausreißer haben, dann kommt Unsinn dabei heraus. Das erübrigt dann auch jede weitere Diskussion über eine solche Metrik.