3 Kommentare
Okt 31Gelikt von Maurice Höfgen

Hi Maurice,

die Argumentation war doch vom Start der Zinserhöhungen an schon klar: Die Inflationsrate ist hoch (warum ist egal) also muss der Zins rauf. Und jetzt ist die Inflationsrate wieder niegriger (warum ist egal), also waren die Zinserhöhungen erfolgreich. Passt doch alles...

Du hattest ja schon immer mehr vom Energiepreisschock als von der Inflation gesprochen und meiner Meinung nach auch gute Prognosen über die Preisentwicklungen gegeben, eben genau durch den Vergleich mit dem Vorjahresmonat und dem sprunghaften Anstieg des Gaspreises im Sommer 2022.

Ich sage mal für junge und naive Geld-für-die-Welt-Follower alles keine Überraschung. Die Frage warum die EZB ihre Entscheidungen überhaupt nicht an Fakten festmacht bzw. diese zumindest nicht transparent kommuniziert und das alles journalistisch nicht hinterfragt wird, lässt mich auch sprachlos zurück.

Noch sprachloser war ich allerdings gestern, als sich die ARD in der Tagesschau durchaus 'technologieoffen' gezeigt hat und Christian Dürr uns erklären durfte, dass es die Einhaltung der Schuldenbremse ist, die dafür gesorgt hat, die Inflation auf den niedrigsten Stand seit 2021 zu kriegen: 'Wenn sich der Staat zurück hält, dann sinkt auch die Inflation'. Na dann ist doch alles klar, ich bin so froh, dass wir die FDP haben...

Expand full comment

(Fast) Alles gut beobachtet.

In Richtung Russland scheint Maurice Höfgen dem Mainstream-Journalismus zu vertrauen. Maurice Höfgen schreibt: »Damals (September 2022 H.Z. )schossen Gas und Strom auf Rekordhöhen an der Börse, weil Putin die Gaspipeline Nordstream 1 abgedreht hatte – und an den Märkten die blanke Panik vor einer Mangellage herrschte. «

Erstens ist eine Personalisierung á la "Putin hat den Gashahn zugedreht" per se unzulässig. Zweitens ist nicht ausgemacht, ob nicht tatsächlich technische Schwierigkeiten den Gasfluss drosselten. Drittens wurde im September auch Nord Stream zerstört. Und viertens wurde die Spekulation auch durch die Aussagen von Mitgliedern der Bundesregierung angeheizt, die von sich aus auf russische Energieträger verzichten wollten. Von dem Fehler der EU die Gasversorgung zu "liberalisieren" und über Börsen abzuwickeln mal ganz zu schweigen. Der exorbitante Anstieg des Gaspreises begann bereits im Herbst 2021.

Thomas Röper schrieb zum Beispiel im Herbst 2021:

Die Gründe für die Energiekrise in Europa (Stand Herbst 2021)

Erstens: Der letzte Winter war kalt, weshalb viel Gas verbraucht wurde. Pipelines und Tanker reichen nicht aus, um im Winter genug Gas nach Europa zu bringen, weshalb die Gasspeicher normalerweise im Sommer aufgefüllt werden. Das ist in 2021 ausgeblieben und während die Gasspeicher normalerweise zu Beginn der Heizsaison zu fast 100 Prozent gefüllt sind, waren sie im Oktober 2021 nur knapp 75 Prozent gefüllt.

Zweitens: Die Energiewende hat zu einem zu großen Anteil von Windenergie am Strommix geführt. Da der Sommer 20221 aber außergewöhnlich windstill war, fehlte die Windkraft und es wurde unter anderem Gas zur Stromerzeugung genutzt, das eigentlich in die Speicher hätte geleitet werden müssen.

Drittens: Der Wunsch vieler europäischer Politiker, russisches Gas durch vor allem amerikanisches Flüssiggas zu ersetzen, hat dazu geführt, dass in Europa nun Gas fehlt. Der Grund: In Asien sind die Gaspreise noch höher als in Europa und die fest eingeplanten amerikanischen Tanker fahren nach Asien, anstatt nach Europa.

Viertens: Die Reform des Gasmarktes der letzten EU-Kommission hat den Handel mit Gas an den Börsen freigegeben. Dadurch wurde Gas zu einem Spekulationsobjekt. Während Gazprom sein Gas gemäß langfristiger Verträge für 230 bis 300 Dollar nach Europa liefert, ist es für die Importeure ein gutes Geschäft, das Gas an der Börse für 1.000 Euro weiterzuverkaufen und diese Spekulationsgewinne in Höhe von mehreren hundert Prozent in die eigene Tasche zu stecken.

Warum Gazprom trotzdem langfristige Verträge möchte? Die Antwort ist einfach, denn das war auch in Europa so, als in Europa noch Gasfelder erschlossen wurden. Der Produzent von Gas muss Milliardeninvestitionen planen und das geht nur, wenn er weiß, wie viel Gas er langfristig zu welchem Preis verkaufen kann. Daher möchte ein Gasproduzent langfristige Verträge, auch wenn der Preis zeitweise möglicherweise viel niedriger ist als der, den er an der Börse erzielen könnte.

Auch für den Kunden ist es von Vorteil, wenn er die Gaspreise und die Gasmengen im Voraus planen kann, denn was passiert, wenn man sich auf kurzfristige Verträge einlässt, erleben wir gerade in Europa. Dass die EU-Kommission sich trotzdem für kurzfristige Verträge und Börsenhandel von Gas einsetzt, ist entweder Inkompetenz, oder der Wunsch europäischen Konzernen die lukrative Börsenspekulation mit Gas auf Kosten der Verbraucher zu ermöglichen, oder die politische Abhängigkeit von den USA, die auf kurzfristige Verträge setzen, weil ihrer schnelllebigen Frackingindustrie schnelle Gewinne wichtiger sind als langfristige Planungssicherheit.

Expand full comment