Warum macht der Staat das mit den Anleihen überhaupt? Ich habe dein Buch Mythos Geldknappheit gelesen und wenn ich das richtig verstanden haben bräuchte man den Schritt über die Anleihen zum Geld schöpfen doch gar nicht und könnte sich somit auch die Zinszahlungen einfach sparen oder?
Genau, für die Geldachöpfung sind die Anleihen und erheblich,man bräuchte darauf deswegen auch kein Zinsen zahlen. Relevant sind die Anleihen (als separates Spar-Tool) jedoch für Rentenfonds und Insitutionen die große Mengen an Euros halten. Aber dennoch, sind die Zinsen zu hoch, wäre es gut für einige Nutznießer, vielleicht auch für ein paar Privatvorsorger, aber mehr profitieren Großanleger, das sie risikolos viel Rendite bekommen, zu Lasten echter produktiver Investitionen.
Kleine Anmerkung: Ob Öl und Gas tatsächlich knapp sind und deshalb die Preise steigen, oder ob die Preise durch Spekulationsmechanismen getrieben werden oder ob eine Mischung aus beiden Sachverhalten vorliegt ist derzeit nicht ausgemacht. Zumal die Straße von Hormus NICHT geschlossen, sondern gegen Zahlung einer Maut passierbar ist.
„Was unterscheidet die Situation am Bosporus und die Situation in der Straße von Hormuz grundsätzlich?“
Sorry, in der Straße von Hormuz ist Krieg, anderswo nicht! Keine Schiffsversicherung dieser Welt wird einspringen, wenn ein Schiff von einer Rakete, Drohne, etc. beschossen und beschädigt wird, weswegen kein Reeder sein Schiff da durchschickt, ohne eine ausdrückliche Genehmigung der Iranischen Regierung zu haben. Und das sind nur sehr wenige, was zu der sich gerade aufbauenden Öl-Knappheit führt. Auch bei LNG wird es enger und das langfristig, da Kuwaitische Förder/Verdichtungsanlagen so schwer beschädigt wurden, dass es Jahre dauern wird, bis sie wieder voll funktionsfähig sind.
Ansonsten Zustimmung zu dem Satz „Dass dieses Wetten keinerlei volkswirtschaftlichen Nutzen hat, sondern nur Schaden anrichtet, ist offensichtlich.“
Allerdings gilt er leider für alles mögliche, inklusive bestimmte Nahrungsmittel. Aufregung darüber gibt aber erst dann, wenn es das heiligs Verbrennerblechle und den Preis dessen betrifft, was in seinen Tank muss.
Dass sich das D-Ticket bereits um 28% in nur 2 Jahren und damit um eine ähnliche Größenordnung verteuert hat, geht (nicht nur) Herrn Merz und seiner Partei rechts am Allerwertesten vorbei
1) Die Situation in der Straße von Hormuz mit einer Mautstelle zu vergleichen ist realitätsfern, denn natürlich droht der Iran weiterhin Schiffe anzugreifen, denn das ist eines der wenigen Druckmittel, die er gegen Trump in der Hand hat.
Naja, so weit ich weiß kassiert die Türkei bei Reedereien, deren Schiffe durch die Meerengen Bosporus und Dardanellen fahren, saftige Transitgebühren. Ist das keine "Maut"? Und: Was unterscheidet die Situation am Bosporus und die Situation in der Straße von Hormuz grundsätzlich?
Meiner Ansicht nach stimmt dieser Satz: "An den Märkten führen die Preise, die Narrative folgen". Und wer den Handel mit lebensnotwendigen Gütern unreguliert an die Börsen bringt, wo die Preise von menschlichem (Herden-)Verhalten und von spekulativen Algorithmen und eben nicht von Angebot und Nachfrage bestimmt werden, muss damit leben, dass Preise wild fluktuieren.
Heiner Flassbeck schreibt hierzu: «Man kann klare Bedingungen formulieren, die eine Person berechtigen, mit Rohstoffen zu handeln oder eben nicht. Am einfachsten ist es, die Bedingungen so zu setzen, dass jeder, der Rohstoffe kauft oder verkauft, nachweisen muss, dass er die Lagerkapazitäten hat, um die Rohstoffe physisch zu übernehmen oder zu liefern. Aber auch viele andere Schranken in Sachen Transaktionsvolumen (sogenannte Position Limits z.B.) oder in Sachen Ausbildung und Herkunft der Händler sind denkbar. Gäbe es den politischen Willen, wäre es ein leichtes, den Sumpf dieser Spekulation auszutrocknen. Dass dieses Wetten keinerlei volkswirtschaftlichen Nutzen hat, sondern nur Schaden anrichtet, ist offensichtlich.»
Zinspolitik als Antwort auf Energiepreisschocks - schon in 2022 eine massive Fehlentscheidung
Die EZB steht vor einem institutionellen Grundproblem, das deutlicher benannt werden müsste: Ihr Instrumentarium beschränkt sich im Wesentlichen auf einen einzigen Hebel - den Zinssatz. Wenn man nur einen Hammer hat, neigt man dazu, in jedem Problem einen Nagel zu sehen. So entsteht ein gefährlicher institutioneller Reflex: Weil von der Zentralbank Handlungsfähigkeit erwartet wird, sie aber strukturell nur mit Zinsanpassungen reagieren kann, dann wird eben der Zinshammer geschwungen - unabhängig davon, ob das Problem geldpolitisch überhaupt adressierbar ist. Aktionismus ersetzt Analyse. Das mag institutionspsychologisch verständlich sein; ökonomisch ist es nicht zu rechtfertigen. Die ehrliche Antwort einer verantwortungsvollen Zentralbank auf einen geopolitischen Energiepreisschock müsste lauten: Dieses Problem liegt außerhalb unseres Wirkungsbereichs. Unsere Instrumente sind hier wirkungslos - ihr Einsatz würde mehr schaden als nützen. Stattdessen droht die EZB erneut mit Zinserhöhungen, um Handlungsstärke zu demonstrieren - und riskiert damit, eine Wirtschaft, die sich von den Kollateralschäden der letzten Zinswende noch nicht erholt hat, ein zweites Mal unnötig zu belasten. Aktionismus, der als Geldpolitik verkleidet wird, bleibt Aktionismus - mit realen und schwerwiegenden wirtschaftlichen Konsequenzen.
Preisschock ist nicht gleich Inflation
Die konzeptionelle Grundlage der EZB-Reaktion liegt einem durch geopolitische Ereignisse ausgelösten, angebotsseitigen Preisschock – also eine einmalige, externe Verschiebung des Preisniveaus - und nicht um eine sich selbst verstärkende, nachfragegetriebene Inflation im klassischen Sinne. Letztere entstünde erst dann, wenn infolge des Kaufkraftverlustes eine Lohn-Preis-Spirale in Gang gesetzt würde. Solange der Konflikt begrenzt bleibt und die Energieversorgung sich stabilisiert, ist dieser Transmissionskanal jedoch keineswegs zwingend. Zinserhöhungen sind ein nachfrageseitiges Instrument: Sie verteuern Kredite, dämpfen Konsum und Investitionen und sollen so einen überhitzten Gütermarkt abkühlen. Auf einen externen Angebotsschock - ausgelöst durch Krieg, Lieferkettenunterbrechungen oder geopolitische Blockaden - haben sie hingegen keinerlei direkte Wirkung. Die Energiemärkte reagieren nicht auf den Leitzins der EZB. Die Androhung von Zinserhöhungen als Antwort auf den Irankrieg ist daher nicht nur wirkungslos, sondern ökonomisch kategorial falsch.
Die Kollateralschäden der letzten Zinswende sind noch nicht überwunden
Diese konzeptionelle Fehlkalibrierung wäre bereits unter normalen Umständen problematisch. Sie ist es umso mehr, da die europäische Wirtschaft - allen voran Deutschland - die Folgen der letzten Zinswende noch längst nicht überwunden hat. Die Bauwirtschaft hat einen historischen Einbruch erlitten: Vervielfachte Baufinanzierungskosten haben Neubauprojekte zum Erliegen gebracht, den strukturellen Wohnungsmangel weiter verschärft und private Immobilienbesitzer erheblich belastet. Dieser Sektor, traditionell ein konjunktureller Leitsektor, hat seine Stabilisierungsfunktion für die Gesamtwirtschaft weitgehend verloren. Darüber hinaus stiegen allein in Deutschland die Zinsaufwendungen der Unternehmen im Jahr 2022 um rund 13,7 Milliarden Euro - Mehrkosten, die erfahrungsgemäß über Preisanpassungen an die Verbraucher weitergegeben werden und damit ihrerseits inflationär wirken. Erhöhte Kapitalkosten verteuern zudem gezielt jene Investitionen in erneuerbare Energieinfrastruktur, die mittel- bis langfristig zur strukturellen Senkung der Energiepreise beitragen würden. Die Zinspolitik sabotiert damit ausgerechnet die strukturelle Lösung des Problems, das sie vorgeblich bekämpft.
Das Messproblem verschleiert die wahren Kosten
Bemerkenswert ist zudem ein methodisches Problem der Inflationsmessung, das die geldpolitische Debatte verzerrt: Der harmonisierte Verbraucherpreisindex erfasst zwar Mietzinsen als größte Position im Verbraucherpreisindex, die massiv gestiegenen Zinsbelastungen privater Immobilienkredite jedoch nicht, obwohl diese für Millionen Haushalte eine unmittelbar spürbare Kaufkraftminderung darstellen. Eine um diese Komponente erweiterte Betrachtung würde die tatsächliche Kostenbelastung breiter Bevölkerungsschichten realistischer abbilden - und zugleich deutlich machen, in welchem Ausmaß die Zinspolitik selbst zur
Lebenshaltungskostenbelastung beigetragen hat.
Die richtige Antwort liegt in einer anderen Strukturpolitik
Die eigentliche geldpolitische Lektion aus zwei Energiepreisschocks innerhalb von drei Jahren lautet: Solange Europa strukturell von fossilen Energieimporten abhängig bleibt, wird es geopolitischen Preisschocks schutzlos ausgeliefert sein - unabhängig vom jeweiligen Zinsniveau. Eine wirksame Reaktion liegt nicht in der Geldpolitik, sondern in einer beschleunigten energiepolitischen Transformation. Zinserhöhungen hingegen verteuern genau jene Investitionen in erneuerbare Energien und Gebäudesanierung, die diese strukturelle Abhängigkeit langfristig überwinden würden.
Fazit:
Die EZB steht also vor einem Glaubwürdigkeitsdilemma. Gleichwohl wäre es wissenschaftlich redlicher und wirtschaftspolitisch verantwortungsvoller, die Wirkungsgrenzen des eigenen Instrumentariums klar zu benennen, anstatt mit Zinserhöhungen auf einen Schock zu reagieren, dessen Ursachen außerhalb jedes geldpolitischen Einflussbereichs liegen - und dabei erneut eine Wirtschaft zu belasten, die sich von den letzten Kollateralschäden noch nicht erholt hat.
Super erkannt und erklärt. Leider übersteigt Ihre Analyse das Niveau der Entscheider in der EZB und der Politik, die auf blanken Aktionismus abonniert sind.
Also schon zu sagen, dass 150 Milliarden viel sind obwohl von den vorherigen 120 Milliardeb nur 30 Milliarden dazu gekommen sind, ist auch irgendwie wild. Vorallem ist diese Schlagzeile nur so groß, weil wir als einziger der G7 Staaten, so stark auf unsere Schulden schauen.
Das Problem in der ganzen Diskussion ist, das die Ursachen vom Autor vollständig ausgeblendet werden. Es ist in einem Kreditsystem egal wieviel Schulden der Staat aufnimmt und ob er Geld unendlich Geld druckt. In Deutschland bricht die Wertschöpfung zusammen. Ich kann den Zeitrahmen nicht festlegen Der Tag X wird wenn Deutschland so weiter agiert, kommen und das System ist am Ende. Deutschland wird neu starten. Es geht nur aus welchen Stand. Bleibt es bei der bisherigen ungebremsten Talfahrt, wird es tief und heftig. Jede Entscheidung ist neu zu bewerten und das Ergebnis hat in die weitere Entwicklung einzufließen. Egal wie hart das Ergebnis ausfällt. Wir belügen uns mit den Aussagen gerade selber. Und das ist der Beginn jedes Unterganges.
Warum macht der Staat das mit den Anleihen überhaupt? Ich habe dein Buch Mythos Geldknappheit gelesen und wenn ich das richtig verstanden haben bräuchte man den Schritt über die Anleihen zum Geld schöpfen doch gar nicht und könnte sich somit auch die Zinszahlungen einfach sparen oder?
Ja könnte man. Siehe auch: https://www.geldfuerdiewelt.de/p/was-ware-wenn-der-staat-keine-zinsen-hoefgen
Genau, für die Geldachöpfung sind die Anleihen und erheblich,man bräuchte darauf deswegen auch kein Zinsen zahlen. Relevant sind die Anleihen (als separates Spar-Tool) jedoch für Rentenfonds und Insitutionen die große Mengen an Euros halten. Aber dennoch, sind die Zinsen zu hoch, wäre es gut für einige Nutznießer, vielleicht auch für ein paar Privatvorsorger, aber mehr profitieren Großanleger, das sie risikolos viel Rendite bekommen, zu Lasten echter produktiver Investitionen.
Alles richtig.
Kleine Anmerkung: Ob Öl und Gas tatsächlich knapp sind und deshalb die Preise steigen, oder ob die Preise durch Spekulationsmechanismen getrieben werden oder ob eine Mischung aus beiden Sachverhalten vorliegt ist derzeit nicht ausgemacht. Zumal die Straße von Hormus NICHT geschlossen, sondern gegen Zahlung einer Maut passierbar ist.
Siehe hier: https://tkp.at/2026/03/25/inszenierte-verknappung-die-luege-der-energiekrise/
oder auch hier: https://www.relevante-oekonomik.com/2026/03/23/nicht-angebot-und-nachfrage-spekulation-bewegt-den-preis-fuer-rohoel/ oder hier: https://www.relevante-oekonomik.com/2026/03/24/ein-weiterer-hinweis-zur-spekulation-mit-oel/
Und wieder stellen sich die Fragen: Wie sag ich's meinem Kanzler? Wird er angemessen reagieren?
„Was unterscheidet die Situation am Bosporus und die Situation in der Straße von Hormuz grundsätzlich?“
Sorry, in der Straße von Hormuz ist Krieg, anderswo nicht! Keine Schiffsversicherung dieser Welt wird einspringen, wenn ein Schiff von einer Rakete, Drohne, etc. beschossen und beschädigt wird, weswegen kein Reeder sein Schiff da durchschickt, ohne eine ausdrückliche Genehmigung der Iranischen Regierung zu haben. Und das sind nur sehr wenige, was zu der sich gerade aufbauenden Öl-Knappheit führt. Auch bei LNG wird es enger und das langfristig, da Kuwaitische Förder/Verdichtungsanlagen so schwer beschädigt wurden, dass es Jahre dauern wird, bis sie wieder voll funktionsfähig sind.
Ansonsten Zustimmung zu dem Satz „Dass dieses Wetten keinerlei volkswirtschaftlichen Nutzen hat, sondern nur Schaden anrichtet, ist offensichtlich.“
Allerdings gilt er leider für alles mögliche, inklusive bestimmte Nahrungsmittel. Aufregung darüber gibt aber erst dann, wenn es das heiligs Verbrennerblechle und den Preis dessen betrifft, was in seinen Tank muss.
Dass sich das D-Ticket bereits um 28% in nur 2 Jahren und damit um eine ähnliche Größenordnung verteuert hat, geht (nicht nur) Herrn Merz und seiner Partei rechts am Allerwertesten vorbei
1) Die Situation in der Straße von Hormuz mit einer Mautstelle zu vergleichen ist realitätsfern, denn natürlich droht der Iran weiterhin Schiffe anzugreifen, denn das ist eines der wenigen Druckmittel, die er gegen Trump in der Hand hat.
2) Es wird sich in naher Zukunft eine reelle Öl - Knappheit einstellen: siehe https://paulkrugman.substack.com/p/the-oil-crisis-is-about-to-get-physical?r=4a560r&utm_medium=ios sodass die Gefahr weiterer Preissteigerung nicht gebannt ist
Naja, so weit ich weiß kassiert die Türkei bei Reedereien, deren Schiffe durch die Meerengen Bosporus und Dardanellen fahren, saftige Transitgebühren. Ist das keine "Maut"? Und: Was unterscheidet die Situation am Bosporus und die Situation in der Straße von Hormuz grundsätzlich?
Zum anderen: Dass hinter den Kulissen auf den Energiemärkten seltsame Dinge geschehen, ist nicht zu übersehen. Wer da allerdings welches Spiel mit welchem Ziel treibt, weiß ich nicht. Außer den unmittelbar Beteiligten, weiß das wohl niemand. Z.B.: https://tkp.at/2026/03/31/diesel-verknappung-tanker-kehren-vor-europa-um/ oder hier: https://financialpost.com/pmn/business-pmn/pressure-mounts-on-european-diesel-supply-as-tankers-turn-away
Meiner Ansicht nach stimmt dieser Satz: "An den Märkten führen die Preise, die Narrative folgen". Und wer den Handel mit lebensnotwendigen Gütern unreguliert an die Börsen bringt, wo die Preise von menschlichem (Herden-)Verhalten und von spekulativen Algorithmen und eben nicht von Angebot und Nachfrage bestimmt werden, muss damit leben, dass Preise wild fluktuieren.
Heiner Flassbeck schreibt hierzu: «Man kann klare Bedingungen formulieren, die eine Person berechtigen, mit Rohstoffen zu handeln oder eben nicht. Am einfachsten ist es, die Bedingungen so zu setzen, dass jeder, der Rohstoffe kauft oder verkauft, nachweisen muss, dass er die Lagerkapazitäten hat, um die Rohstoffe physisch zu übernehmen oder zu liefern. Aber auch viele andere Schranken in Sachen Transaktionsvolumen (sogenannte Position Limits z.B.) oder in Sachen Ausbildung und Herkunft der Händler sind denkbar. Gäbe es den politischen Willen, wäre es ein leichtes, den Sumpf dieser Spekulation auszutrocknen. Dass dieses Wetten keinerlei volkswirtschaftlichen Nutzen hat, sondern nur Schaden anrichtet, ist offensichtlich.»
Zinspolitik als Antwort auf Energiepreisschocks - schon in 2022 eine massive Fehlentscheidung
Die EZB steht vor einem institutionellen Grundproblem, das deutlicher benannt werden müsste: Ihr Instrumentarium beschränkt sich im Wesentlichen auf einen einzigen Hebel - den Zinssatz. Wenn man nur einen Hammer hat, neigt man dazu, in jedem Problem einen Nagel zu sehen. So entsteht ein gefährlicher institutioneller Reflex: Weil von der Zentralbank Handlungsfähigkeit erwartet wird, sie aber strukturell nur mit Zinsanpassungen reagieren kann, dann wird eben der Zinshammer geschwungen - unabhängig davon, ob das Problem geldpolitisch überhaupt adressierbar ist. Aktionismus ersetzt Analyse. Das mag institutionspsychologisch verständlich sein; ökonomisch ist es nicht zu rechtfertigen. Die ehrliche Antwort einer verantwortungsvollen Zentralbank auf einen geopolitischen Energiepreisschock müsste lauten: Dieses Problem liegt außerhalb unseres Wirkungsbereichs. Unsere Instrumente sind hier wirkungslos - ihr Einsatz würde mehr schaden als nützen. Stattdessen droht die EZB erneut mit Zinserhöhungen, um Handlungsstärke zu demonstrieren - und riskiert damit, eine Wirtschaft, die sich von den Kollateralschäden der letzten Zinswende noch nicht erholt hat, ein zweites Mal unnötig zu belasten. Aktionismus, der als Geldpolitik verkleidet wird, bleibt Aktionismus - mit realen und schwerwiegenden wirtschaftlichen Konsequenzen.
Preisschock ist nicht gleich Inflation
Die konzeptionelle Grundlage der EZB-Reaktion liegt einem durch geopolitische Ereignisse ausgelösten, angebotsseitigen Preisschock – also eine einmalige, externe Verschiebung des Preisniveaus - und nicht um eine sich selbst verstärkende, nachfragegetriebene Inflation im klassischen Sinne. Letztere entstünde erst dann, wenn infolge des Kaufkraftverlustes eine Lohn-Preis-Spirale in Gang gesetzt würde. Solange der Konflikt begrenzt bleibt und die Energieversorgung sich stabilisiert, ist dieser Transmissionskanal jedoch keineswegs zwingend. Zinserhöhungen sind ein nachfrageseitiges Instrument: Sie verteuern Kredite, dämpfen Konsum und Investitionen und sollen so einen überhitzten Gütermarkt abkühlen. Auf einen externen Angebotsschock - ausgelöst durch Krieg, Lieferkettenunterbrechungen oder geopolitische Blockaden - haben sie hingegen keinerlei direkte Wirkung. Die Energiemärkte reagieren nicht auf den Leitzins der EZB. Die Androhung von Zinserhöhungen als Antwort auf den Irankrieg ist daher nicht nur wirkungslos, sondern ökonomisch kategorial falsch.
Die Kollateralschäden der letzten Zinswende sind noch nicht überwunden
Diese konzeptionelle Fehlkalibrierung wäre bereits unter normalen Umständen problematisch. Sie ist es umso mehr, da die europäische Wirtschaft - allen voran Deutschland - die Folgen der letzten Zinswende noch längst nicht überwunden hat. Die Bauwirtschaft hat einen historischen Einbruch erlitten: Vervielfachte Baufinanzierungskosten haben Neubauprojekte zum Erliegen gebracht, den strukturellen Wohnungsmangel weiter verschärft und private Immobilienbesitzer erheblich belastet. Dieser Sektor, traditionell ein konjunktureller Leitsektor, hat seine Stabilisierungsfunktion für die Gesamtwirtschaft weitgehend verloren. Darüber hinaus stiegen allein in Deutschland die Zinsaufwendungen der Unternehmen im Jahr 2022 um rund 13,7 Milliarden Euro - Mehrkosten, die erfahrungsgemäß über Preisanpassungen an die Verbraucher weitergegeben werden und damit ihrerseits inflationär wirken. Erhöhte Kapitalkosten verteuern zudem gezielt jene Investitionen in erneuerbare Energieinfrastruktur, die mittel- bis langfristig zur strukturellen Senkung der Energiepreise beitragen würden. Die Zinspolitik sabotiert damit ausgerechnet die strukturelle Lösung des Problems, das sie vorgeblich bekämpft.
Das Messproblem verschleiert die wahren Kosten
Bemerkenswert ist zudem ein methodisches Problem der Inflationsmessung, das die geldpolitische Debatte verzerrt: Der harmonisierte Verbraucherpreisindex erfasst zwar Mietzinsen als größte Position im Verbraucherpreisindex, die massiv gestiegenen Zinsbelastungen privater Immobilienkredite jedoch nicht, obwohl diese für Millionen Haushalte eine unmittelbar spürbare Kaufkraftminderung darstellen. Eine um diese Komponente erweiterte Betrachtung würde die tatsächliche Kostenbelastung breiter Bevölkerungsschichten realistischer abbilden - und zugleich deutlich machen, in welchem Ausmaß die Zinspolitik selbst zur
Lebenshaltungskostenbelastung beigetragen hat.
Die richtige Antwort liegt in einer anderen Strukturpolitik
Die eigentliche geldpolitische Lektion aus zwei Energiepreisschocks innerhalb von drei Jahren lautet: Solange Europa strukturell von fossilen Energieimporten abhängig bleibt, wird es geopolitischen Preisschocks schutzlos ausgeliefert sein - unabhängig vom jeweiligen Zinsniveau. Eine wirksame Reaktion liegt nicht in der Geldpolitik, sondern in einer beschleunigten energiepolitischen Transformation. Zinserhöhungen hingegen verteuern genau jene Investitionen in erneuerbare Energien und Gebäudesanierung, die diese strukturelle Abhängigkeit langfristig überwinden würden.
Fazit:
Die EZB steht also vor einem Glaubwürdigkeitsdilemma. Gleichwohl wäre es wissenschaftlich redlicher und wirtschaftspolitisch verantwortungsvoller, die Wirkungsgrenzen des eigenen Instrumentariums klar zu benennen, anstatt mit Zinserhöhungen auf einen Schock zu reagieren, dessen Ursachen außerhalb jedes geldpolitischen Einflussbereichs liegen - und dabei erneut eine Wirtschaft zu belasten, die sich von den letzten Kollateralschäden noch nicht erholt hat.
Quellen:
https://www.wirtschaftsdienst.eu/inhalt/jahr/2024/heft/3/beitrag/inflationsberechnung-zinspolitik-der-ezb-wird-als-inflationstreiber-statistisch-nicht-erfasst.html
https://www.wirtschaftsdienst.eu/inhalt/jahr/2024/heft/8/beitrag/inflationsberechnung-replik-und-erwiderung.html
Super erkannt und erklärt. Leider übersteigt Ihre Analyse das Niveau der Entscheider in der EZB und der Politik, die auf blanken Aktionismus abonniert sind.
Dazu passt dieser Beitrag https://acemaxxanalytics.substack.com/p/ecb-and-savings-in-europe?r=4a560r&utm_medium=ios
Also schon zu sagen, dass 150 Milliarden viel sind obwohl von den vorherigen 120 Milliardeb nur 30 Milliarden dazu gekommen sind, ist auch irgendwie wild. Vorallem ist diese Schlagzeile nur so groß, weil wir als einziger der G7 Staaten, so stark auf unsere Schulden schauen.
Sehr gut recherchiert und dargelegt, Maurice. Man kann es auch an der 1M Heatmap sehr klar sehen, dass nichts anbrennt und immer mehr Investoren den "sicheren Hafen" Bundesanleihen ansteuerten. https://www.tradingview.com/heatmap/etf/#%7B%22dataSource%22%3A%22AllDEEtf%22%2C%22blockColor%22%3A%22Perf.1M%22%2C%22blockSize%22%3A%22aum%22%2C%22grouping%22%3A%22no_group%22%7D
Politik ist irgendwie getrieben von wer weiß schon was. Sieht man an der glorreichen Idee, den Benzinpreis mit high noon regeln zu können.
Das Problem in der ganzen Diskussion ist, das die Ursachen vom Autor vollständig ausgeblendet werden. Es ist in einem Kreditsystem egal wieviel Schulden der Staat aufnimmt und ob er Geld unendlich Geld druckt. In Deutschland bricht die Wertschöpfung zusammen. Ich kann den Zeitrahmen nicht festlegen Der Tag X wird wenn Deutschland so weiter agiert, kommen und das System ist am Ende. Deutschland wird neu starten. Es geht nur aus welchen Stand. Bleibt es bei der bisherigen ungebremsten Talfahrt, wird es tief und heftig. Jede Entscheidung ist neu zu bewerten und das Ergebnis hat in die weitere Entwicklung einzufließen. Egal wie hart das Ergebnis ausfällt. Wir belügen uns mit den Aussagen gerade selber. Und das ist der Beginn jedes Unterganges.
Viele Worte, wenig Inhalt. Wenn DE „wie?“ weiter aggiert? Welche Ursachen werden ausgeblendet? Warum ist es in einem Kreditsystem
egal wieviel Schulden der Staat
aufnimmt? Viele viele Fragen.
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